Friedemann Ramacher

Ich finde es einfach magnifique, dass ich Friedemann Ramacher, den Gründer von Sentifique, interviewen durfte. Neben seinem wundervollen Rezept für Wähen, welches ich jedoch hier nicht veröffentlichen werde, habe ich auch einiges erfahren, das ich gerne mit meinen Leserinnen und Lesern teile.

 

Sie sind Schweizer. Daher vorweg eine Frage, die nichts mit Parfums zu tun hat. Wenn Sie in die Konfiserie Sprüngli am Paradeplatz gehen, was bestellen Sie?

Bei Sprüngli kaufe ich eigentlich nichts. Ich gehe lieber zum Vollenweider an der Theaterstrasse oder backe selber einen Kuchen.

 

Und welche Stadt fasziniert Sie? 

Immer wieder Paris! Weil diese Stadt so wunderschön und prunkvoll ist und es so viele tolle Restaurants, Cafés und Museen gibt. Dann liebe ich natürlich auch die anderen beiden Klassiker: London und New York. Ich bin auch regelmässig in Berlin. Diese Stadt überrascht mich immer wieder. Es immer was los, es gibt immer wieder was Neues zu sehen und man kann das

Streben nach Innovation regelrecht riechen. Wohnen würde ich aber nie in Berlin wollen.

 

Jetzt aber zum Thema Parfum. Sentifique ist eine Wortschöpfung aus "senteurs magnifiques". Wann ist Ihrer Meinung nach ein Parfum "magnifique"?

Wenn es sinnlich, glamourös und sexy ist – wenn es mich beim ersten Schnuppern sofort überrascht und neugierig macht. Wenn ich noch nie so etwas gerochen habe. Wenn dessen Ingredienzien nicht sofort erkennbar sind. Wenn ich es auch nach vielen Jahren immer noch grossartig finde. Wenn es mir in allen Phasen des Duftverlaufs gefällt.

 

Es gibt aber sicher auch Düfte abseits von Parfums, welche Sie begeistern. Welchen Duft, den der Alltag bietet, schätzen Sie am meisten?

Es gibt so viele schöne alltägliche Gerüche – zum Beispiel: Das frisch angezogene Bett, ein noch warmer Apfelkuchen, die Luft über dem Zürichsee oder der Duft frisch geduschter Haut. Am meisten faszinieren und bewegen mich jedoch die “alltäglichen” (im Sinne von nicht durch Parfum erzeugten) Düfte, welche ich schon lange nicht mehr riechen konnte aber ganz klar in meinem Geruchsgedächtnis gespeichert und mit Erinnerungen an schöne Momente oder Orte verknüpft sind. Ich denke da zum Beispiel an den hölzernen und leicht muffigen Duft des Ferienhauses, in welchem ich als Kind viele Sommer verbracht habe oder an den Duft aus Puder, Rosen und Möbelpolitur, welcher aus der obersten Schublade einer alten

Jugendstilkommode entströmte, in welcher meine Mutter ihre Parfums und Lippenstifte aufbewahrt hatte.

 

Wenn Sie Parfums kreieren, wie gehen Sie dann vor? Kommen Ihnen die Ideen für neue Parfums plötzlich oder arbeiten Sie strukturiert daran?

Die Ideen kommen ganz von alleine – oft dann, wenn ich eigentlich gar nicht an die Arbeit oder an Parfums denke. Wenn es dann wieder an der Zeit ist, einen neuen Duft in Angriff zu nehmen, greife ich auf eine dieser Ideen zurück und arbeite diese dann sehr detailliert aus, damit ich meinem Parfumeur eine möglichst umfassende Beschreibung meiner neuen Duft-Vision

übermitteln kann. Der weitere Ablauf ist strukturiert und fordert grösstes Engagement und viel Geduld vom Parfumeur. Bis wir einen Duft fertig haben dauert es im Durchschnitt fast 2 Jahre. Zuerst entstehen mehrere Entwürfe aufgrund meines Manuskripts. Diese teste ich ausgiebig und bestimme dann den geeignetsten, welcher die Basis darstellt, auf der schliesslich weiter gearbeitet wird. Der Parfumeur kreiert dann ein paar Varianten von diesem Entwurfs, welche ich jeweils über Wochen an mir selber teste um herauszufinden, was mir an ihnen gefällt und was man noch ändern oder verfeinern könnte. Das bespreche ich dann mit dem Parfumeur, es entstehen wieder neue Varianten und so weiter und so fort. Irgendwann ist dann der Duft soweit, dass der Parfumeur und ich ihn grossartig und perfekt finden. Dann verschenke ich Proben an Freunde, um deren Feedback zu erhalten und sicher zu gehen, dass wir nicht etwas völlig Abgehobenes und Untragbares kreiert haben. Das ist die Phase in der die fertige Formulierung während mehreren Wochen und unter Wärmeeinfluss gelagert wird, um die Stabilität und eine eventuelle Veränderung des Dufts durch die Mazeration zu überprüfen. Eventuell muss dann die Formulierung nochmals angepasst werden.

 

Beeindruckend, all dies einmal so geschildert zu bekommen. Man sieht gut, wie viel Arbeit in Ihren Parfums steckt - und man riecht die Sorgfalt auch. Doch diese Vorgehensweise hat sich auch gelohnt, Sentifique ist mittlerweile bekannt. Wann und wie haben Sie eigentlich gemerkt, dass Ihre Düfte bekannt/berühmt/begehrt sind? Gab es da ein spezielles Ereignis?

Die Idee, Düfte zu kreieren und ein eigenes Parfümhaus zu gründen entstand vor fast 6 Jahren. Mich hat es damals einfach nur sehr gereizt, etwas Neues und wirklich Schönes zu kreieren. Ich wollte meine Vision von Parfums umsetzen. Egal was ich anpacke: Es gibt nie einen Businessplan – ich folge nur meinem Instinkt Ob ich damit Erfolg haben werde, hat mich auch hier zuerst gar nicht gekümmert. Als dann Ende 2012 die ersten Parfums fertig waren und ich sie ganz schüchtern ein paar Händlern präsentiert habe, merkte ich, dass diese Branche aussergewöhnlich scharf auf Neues ist. Im März 2013 war dann die erste Präsentation an der Esxence in Mailand. Dort wurde ich regelrecht von Parfümerie-Inhabern, Distributoren und Presseleuten überrannt. Es war ein grossartiges Gefühl: Alle wollten Sentifique! Nicht in meinen kühnsten Träumen habe ich mit so einem überschwänglichen Interesse und einer dermassen grossen Nachfrage gerechnet. Dieser Enthusiasmus der Fachhändler war sehr motivierend aber ich wollte ihn nicht voreilig als sicheren Indikator für einen langfristigen Erfolg meiner Parfums deuten. Klar war ich überwältigt aber mir war dieser Hype nicht ganz geheuer. Die für mich neue Parfumbranche

machte auf mich einen sehr oberflächlichen Eindruck. Ich hatte die Befürchtung, dass die ganze Begeisterung für Sentifique gar nicht wegen den grossartigen Düften entstanden ist, sondern einfach nur dadurch zu erklären ist, dass Sentifique eine neue coole Marke ist und von den Parfümerien vielleicht nur eingekauft wird, um sich als innovative und exklusive Fachgeschäfte zu positionieren (so wie das mit vielen neuen Marken passiert). Ich fragte mich, ob alle diese neuen “Fans” mein Konzept

wirklich begriffen haben, meine Parfums auch wirklich so toll finden und ob sie in einem Jahr immer noch dermassen enthusiastisch sein werden.

 

Im Herbst 2013 , als von den an der Mailänder Messe gewonnenen Kunden immer regelmässiger nachbestellt wurde, hatte ich zum ersten mal das Gefühl, dass die Idee hinter Sentifique doch von vielen richtig verstanden wird und die Marke eine glorreiche Zukunft vor sich haben kann. Schliesslich entscheiden die Endverbraucher, ob eine neue Marke langfristig Erfolg hat oder nach zwei Jahren wieder in Vergessenheit gerät. Ich bin überzeugt, dass sich weder mit weit hergeholten Geschichten, aufwändigem Marketing, noch mit superluxuriösen Verpackungen eine treue und begeisterte Stammkundschaft aufbauen lässt wenn die Düfte nur mittelmässig sind. Leider geht der Trend aber auch bei der “Nische" immer mehr in Richtung “aussen hui und innen pfui”. Die “Nische” macht nun die selben Fehler wie die grossen Marken – sehr schade! Das ist eine sehr kurzfristige Strategie, welche nichts mehr mit den Grundwerten der Nische zu tun hat. Ich persönlich könnte nie etwas mit Freude und Überzeugung verkaufen, was ich nicht selber zu 100% grossartig finde. Ich glaube, dass die Kunden von echten “Nischenparfums” immer auf der Suche nach Qualität und Innovation sein werden und sich nicht von absurden Marketing-Konzepten und teueren Verpackungen blenden lassen.

 

Dann freue ich mich auf weitere Nischenparfums von Sentifique und genieße die aktuellen. Herzlichen Dank für das Interview!


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