Etat Libre d'Orange

(Copyright Etat Libre d'Orange)
(Copyright Etat Libre d'Orange)

„Le parfum est mort, vive le parfum“ – schon der Wahlspruch dieses Parfumhauses zeigt, dass hier einiges anders ist.

 

Etienne de Swardt, der Gründer dieses Labels, will noch einmal neu beginnen und Düfte mit Nasen entwickeln, die ebenfalls befreit von Konventionen und losgelöst von Tabus spannende Duftkunstwerke entwickeln wollen.

 

Inspiriert von der Lage an einer Strassenecke entstanden sowohl Flakons als auch Parfums, die deutliche Ecken aufweisen und eben dadurch zu einer spannenden Herausforderung werden.

 

Mal schockierend, mal verführerisch, ein gekonntes Spiel mit Provokation durch Duft und Namen der Parfums. Eine Rebellion, die die Geruchsnerven definitiv befreit, indem sie nicht nur Altes zerstört, sondern gleichzeitig auch Neues schafft.


Jasmin et Cigarettes

(Copyright: Etat Libre d'Orange)
(Copyright: Etat Libre d'Orange)

Es gibt ja viele Blumen, aber neben der Rose gibt es eine Blume, die oft als «die Blume» schlechthin gilt. Und das ist Jasmin. Jasmin ist wunderschön, verführerisch, kostbar und noch vieles, vieles mehr. Also wirklich kein Wunder, dass Jasmin gerne in der Parfümindustrie eingesetzt wird. Zudem findet man Jasmin in ganz toller Qualität, sodass es für die Parfümeure einfach nur eine Freude ist, damit arbeiten zu können.

 

Somit wird Jasmin gerne sehr kunstvoll in Szene gesetzt. Entweder strahlend in der Mitte eines Dufts, alles andere nur darum gruppiert. Oder auch eingeflochten in einen üppigen Blütenkranz. Mal mädchenhaft-unschuldig, schon fast spritzig, dann wieder von einer unglaublichen Opulenz und Erotik.

 

Kurzum: Es gibt wohl kaum etwas, das noch nicht gemacht wurde, um Jasmin möglichst schön in Szene zu setzen. Doch da État libre d’Orange alles immer ein wenig anders macht, haben sie einen Weg gefunden, Jasmin ganz neu zu interpretieren, eben indem nicht nach einer besonders schönen Art gesucht wurde, um ihn in Szene zu setzen, sondern nach einer neuen und eigenwilligen, die aber dennoch nicht einer gewissen Erotik entbehrt.

 

Wie der Name schon sagt, wurde Jasmin hier mit Tabak kombiniert. Aber eben nicht mit schönen Tabaknoten, sondern wirklich mit Zigarettenrauch. Liebhaber von Jasmin werden aufschreien und sich empören, wie man so einer schönen Blume so etwas antun kann. Liebhaber von aussergewöhnlichen Dufterlebnissen werden begeistert sein.

 

Doch wir müssen auch ehrlich sein: Trotz all den Kampagnen gegen das Rauchen in letzter Zeit, ist der Anblick von einer Frau, die lasziv die Beine übereinanderschlägt und sich dann eine Zigarette anzündet, durchaus verführerisch.

 

Eben solch eine Szene, nämlich zu Beginn des Films «Blade Runner», war es, die die Inspiration für dieses Parfum darstellte. Denn dies ist nicht nur einer der Lieblingsfilme von Etienne de Swardt, sondern beinhaltet auch eben die oben genannte Szene in Kombination mit einer selbstbewussten Frau, die ganz bewusst provoziert und sich nicht einschüchtern lässt. Keine objektive riesige Schönheit, sondern eine eigenwillige und herausfordernde Attraktivität, der man sich nicht entziehen kann.

 

Riecht man nun Jasmin et Cigarettes, hat man wirklich das Gefühl, man rieche das verführerische Parfum einer aussergewöhnlichen Frau, welches sich mit den Rauchschwaden ihrer Zigarette mischt. Und wenngleich man weiss, dass nur der reine Jasminduft viel schöner wäre, so ist einfach die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich viel zu langsam ihre Zigarette anzündet, sodass diese Handlung zu einem Akt der Provokation wird, und der erste geniesserische Zug, den sie nimmt, von einer unglaublichen Attraktivität, welche die Schönheit des Jasmin in den Schatten stellt.

 

Es ist die unperfekte Art, die mich hier fasziniert. Der Fehler, der alles erst spannend macht. Ohne den es schön wäre, aber zu glatt. Man könnte sich nicht damit auseinandersetzen, sich nicht daran reiben und nicht fasziniert daran hängen bleiben.

 

Eben dieser Weg, die Schönheit des Jasmin zu opfern, indem man ihn mit einer Note kombiniert, die meist eher als unangenehmer Geruch oder gar Gestank angesehen wird, um ihm eine eigenwillige Art von Attraktivität zu geben, fasziniert mich ungemein. Zeigt er doch ganz deutlich, dass Schönheit und Attraktivität nichts zwangsläufig miteinander zu tun haben, dass aber Schönheit lediglich zu Bewunderung, Attraktivität aber zu wahren Emotionen,

Leidenschaft und Liebe führen kann.

 

Sécrétions Magnifiques

(Copyright: Etat Libre d'Orange)
(Copyright: Etat Libre d'Orange)
Pathos, Provokation und das Unbehagen bei großartigen Ergüssen
 
Ein Kommentar zu einem Duft ist bekannterweise nicht von eigenen Ansichten oder gar Emotionen abhängig, sondern eine nüchterne technische Analyse eines vorhandenen Produktes, die zu verfassen und zu rezipieren unbeeindruckt von subjektiven Einflüssen geschehen kann. Daher habe ich mir heute mal einen Meilenstein der Parfumeurskunst ausgesucht, dessen Genuss vielen, abgeschreckt durch die wenig einladenden Rezensionen, versagt geblieben ist:
 
Sécrétions magnifiques (Deutsch ungefähr: großartige Ergüsse), der Erstling aus dem Hause Etat Libre d´Orange.

Was also hat es mit damit auf sich, dass dieses Parfum sich einen verläßlichen Spitzenplatz als schlimmstes Parfum der Geschichte gesichert hat?
 
Nun, ich glaube, dass häufig mit einer falscher Prämisse an diesen Schatz herangegangen wird, nämlich mit der eitlen Vorstellung, dass man:
 
a) sich selbst
 
mit einem Parfum einsprüht, um
 
b) wünschenswerte Attribute an sich selbst für andere zu verstärken oder gänzlich vorzugaukeln

c) zum Zwecke für andere anziehend zu wirken.

Hier müssen Sécrétions magnifiques natürlich versagen. Sie sind nicht der klassische Date-, Disko- oder Businessduft (kleine Nischen wie "bei uns auf der Arbeit riecht die eine Hälfte nach Sécrétions magnifiques, die andere nach Bruno Banani oder dem roten Dunhill" mal ausgenommen). Auch der Begriff Unisex sollte nicht zu große Erwartungen bei Akademikern wecken.
 
Diese enge Auffassung von Parfum ist historisch zwar verständlich, aber überholt und hier hinderlich. Sie speist sich aus einer Zeit, in der die Maxime der "schönen Künste" unumstößliches Gesetz und das Ringen um Erhabenheit und Pathos selbstverständlich war. In der bildenden Kunst wurde dieses Ideal schon längst aufgebrochen und mit unterschiedlicher Latenz dann auch in Musik, Literatur, Tanz und Theater. Von dort aus ist der Schritt in angewandte Kunst, Design, Mode und Architektur gedanklich zwar kurz, aber praktisch durch den kommerziellen Zwang jener oft weit.
 
Einen respektablen ersten Schritt in der Parfumgeschichte sind "Comme des Garcons" gegangen, indem sie sich dem UglyChic verschrieben haben.
 
Aber hier war die Grundlage, dass ehemals als häßlich Angesehenes und Unfertiges im Zeitgeist plötzlich schick war. Es ging um eine Umwertung der Werte und nicht um eine Darstellung des Häßlichen und Widerwärtigen.

Letzteres muss man ELdO zugestehen. Sie waren es, kein Zweifel erlaubt. Diese Ergüsse sind nicht mal in der Lage, im Pathos ergreifender Häßlichkeit zu strahlen, so kümmerlich und banal sind sie. Super.
 
Der Erstling hat so nach dem "All eyez on me!"-Prinzip den Weg gebahnt für eine Reihe wirklich guter konzeptueller Parfums, zu denen ich beispielsweise Vierges et Toreros, Charogne, Vraie Blond, Tom of Finland und Putain des Palaces zähle. Dass ELdO mittlerweile fast nur noch Blümchensuppe macht, darf man an dieser Stelle ruhig einmal kurz ausblenden.
 
Was ich als Rezipient daraus ziehen kann, ist also klar. Aber was als Konsument?
 
Wenn man mal diese "Ich muss MICH von oben bis unten überschütten"-Haltung für eine Sekunde vergisst, dann ist Sécrétions Magnifiques für den Konsumenten ein durchaus reizvoller Kauf mit tollem Preis-Leistungsverhältnis.

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