Guerlain


Guerlain ist vielleicht traditionsreichste Dufthaus überhaupt und steht mit seinem Namen schon seit 1828 für qualitativ hochwertige Düfte. Unvergessene Klassiker, doch auch Neuerscheinungen und neue Exklusivlinien, die teils der Tradition huldigen und teils Neues schaffen.

 

Eben daher erübrigt es sich eigentlich, weiter Worte darüber zu verlieren - ausser noch den Appell an alle zu richten, diese Geruchserlebnisse unter die Nase zu nehmen und sich von ihnen begeistern zu lassen.


Cherry Blossom

Fast alle Düfte von Guerlain haben gewisse Gemeinsamkeiten. So einerseits die Guerlinade, quasi die DNA von Guerlain, die sich wie ein roter Faden durch sehr viele Parfums zieht. Die einen sofort erkennen lassen, aus welchem Haus die Parfums stammen. Andererseits sind sie auch sehr eng in ihrem Heimatland verwurzelt. Man riecht die französische Art. Man riecht das französische savoir-vivre. Französischer als Guerlain, das geht im Bereich der Parfums nicht.

 

Umso überraschter war ich, als ich Cherry Blossom roch. Dieser Duft weckt Erinnerungen an meine Zeit in Japan. Der Duft enthält ganz klar zwei Aspekte. Einerseits haben wir die Kirschblüten-Thematik, die allgemein mit Japan verbunden wird. Die Kirschblüte, so schön so auch auf Fotos scheinen mag, kann in ihrer Faszination nur vor Ort erfasst werden. Die Blütenpracht, die Fülle, die Üppigkeit. Eine unglaublich verschwenderisch wirkende Natur. Kitschiger als man sie hätte erfinden können. Mit den Bäumen blühen auch die Menschen auf. Nicht nur die Familien, die in dieser Zeit ins Freie strömen, um ein Picknick zu machen. Nicht nur Schüler, die plötzlich nicht mehr zum Lernen gezwungen werden, sondern auch ein wenig Frischluft schnuppern dürfen. Nicht nur Studierende, die plötzlich Lust haben, die Bibliothek mit einem Platz unter einem Baum zu tauschen. Nein, auch die Männer im Anzug, die man in der Früh in der U-Bahn sieht, sind anders. Zwar verziehen sie immer noch keine Miene, sind beschäftigt und am Abend müde, aber ihre Miene hat sich ein ganz klein wenig verändert. Ein harter Zug ist aus ihrem Gesicht gewichen und sie wirken mehr wie Personen, die Gefühle entwickeln können, nicht mehr nur wie getriebene Lebewesen.

 

Andererseits ist seine sehr dezente, zurückhaltende, schüchterne Art auffallend. Cherry Blossom ist nicht nur durch das Duftthema, sondern auch in seiner Ausgestaltung ein japanischer Duft, für den dortigen Markt kreiert. Er ist nicht raumgreifend, sondern sehr leise. Dies darf ihm jedoch nicht als Nachteil angerechnet werden, da es eben dieser Art ist, welche das von ihm angestrebte Ziel perfekt unterstützt. Gemacht für ein Land, in welchem eine dezente europäische Parfumierung schon als kleines Skandal angesehen werden würde.

 

Trägt man Cherry Blossom auf, so darf man sich keine Explosion an Wohlgerüchen erwarten. Nichts, das einen atemlos zurücklässt, überwältigt und sprachlos macht.

 

Vielmehr eröffnet Cherry Blossom mit einer sehr dezenten Kopfnote. Nur leichte Anklänge von Bergamotte und etwas grüner Tee. Dieser ist glücklicherweise nicht, wie dies in vielen europäischen Teedüften der Fall ist, präsent oder gar ein wenig bitter. Es wirkt eher, als wäre in der Nähe der Aromen der Kopfnote ein ganz klein wenig frischer, grüner Tee zum Trocknen gelegen, welcher nun wieder entfernt wurde. Die erste Ernte des grünen Tees, ganz dezent, kaum mehr wahrnehmbar.

 

Ob die dezenten, beinahe durchsichtigen Blütennoten wirklich Kirschblüten sind, das ist kaum zu erfassen. Vielleicht riecht man es nur, weil es der Name einem suggeriert, schwer zu sagen. Ein wenig Flieder ist zu erkennen, der Rest verschwimmt ineinander und auch hier: es sind weniger Blüten als der Duft eines Blütenmeeres, der vom Wind hergetragen wird. Nicht zu zerlegen, sondern ein Gesamteindruck. Unter allem liegt eine sehr dezente, pudrige Basis. Welche Hölzer dafür verantwortlich sein mögen, ich kann es nicht sagen. Auch nicht, ob nicht doch ab und zu im Verlaufe des Duftes ganz dezent fruchtige Noten zu riechen sind. Manchmal scheint es so, aber sie sind so perfekt eingearbeitet, dass man sie nicht näher identifizieren kann. Ein auf den ersten Riecher unscheinbarer Blütentraum, dessen Stärke aber in seiner filigranen Art liegt.

 

Keine verklärten Vorstellungen von Asien, wie sie von anderen Parfums geliefert werden, sondern Authentizität. Die Verarbeitung eines Dufteindrucks der japanischen Kultur. Sehr zurückhaltend, doch nicht minder schön und beeindruckend. Eindeutig für den japanischen Markt gemacht – und nicht in einer Art, die sich bemüht, dort zu gefallen, sondern in einer, die sich perfekt eingliedert –, doch auch ideal für alle, welche eine olfaktorische Reise nach Japan unternehmen wollen. Das echte Japan. Zur Zeit der Kirschblüte, wo ein Lächeln überall in der Luft liegt. Wo das Schöne so greifbar, so omnipräsent ist.

 

Das einzig Französische an ihm ist seine feine Machart, seine Eleganz, seine Ausgewogenheit. Doch alles andre, was sonst für Guerlain noch typisch ist, wurde ausgespart. Nur die zeitlose Eleganz und die unglaubliche Schönheit, die finden sich auch hier. Alle, die gewillt sind, Ruhe zu suchen und diesem Duft zuzuhören, ihn wirken zu lassen und ihn nicht aufgrund seiner leisen Art vorschnell zu verurteilen, werden mit ihm ein Dufterlebnis der besonders schönen und berührenden Art erleben können.

 

L'Homme Idéal

Guerlain ist eine altehrwürdige Parfummarke, von welcher es eine „normale“ Linie gibt, die man überall in Parfümerien erhält, die einige Klassiker immer noch im Sortiment hat und von welcher es auch mehrere Exklusivlinien gibt.


Wenn man jetzt bei Guerlain beschließt, die ganz normale Linie um einen Herrenduft zu erweitern, worauf wird man dann wohl achten? Wird man etwas Nischiges kreieren, das nur wenige Anhänger findet? Wird man etwas unglaublich Teures kreieren, das aufgrund des Preises den durchschnittlichen Parfümeriebesucher verschreckt?

Sieht man sich an, was von Guerlain aktuell in der „normalen“ Linie für Männer geboten wird, ist auffällig, dass etwas für jüngere Männer fehlt. Ein Standardparfum, das sowohl im Job als auch beim Date mit einer hübschen Dame bzw dem sonntäglichen Mittagessen bei Mutti getragen werden kann. Etwas, das sich gut verkauft, gefällig ist und ganz unkompliziert zu tragen.

Testet man L’Homme Idéal, so muss man erwarten, ein Parfum für genau jene Kundenschicht vorgesetzt zu bekommen. Denn die ist es, die es sich anzusprechen lohnt.


Und Guerlain den Vorwurf zu machen, dass sie nur auf Profit aus wären, ist lächerlich. Ein uneigennütziges Kreieren von Parfums für eine Mainstreamlinie nur um der Kunst willen, das wäre doch nicht allzu sinnvoll, will man sich als große Marke nicht selbst zugrunde richten.

Testet man also unter eben diesen Voraussetzungen das Parfum, so kann es sein, dass man vom Auftakt nicht allzu begeistert ist. Beim Test kam mir kurzzeitig eine merkwürdige süße Kaugumminote entgegen und die ersten 5 Minuten ließen vermuten, dass es sich an Männer richtet, die nicht älter als 25 sind, im Idealfall viel jünger. Es riecht "jungenhaft" und ein wenig verspielt. Wäre es dabei geblieben, man hätte nicht enttäuscht sein dürfen. Nein, man hätte lediglich seine realistischen Erwartungen bestätigt gefunden. Doch netterweise bleibt es nicht dabei. Das Parfum wird viel, viel cremiger.


An ihm: Tonka Impériale light. Natürlich ein wenig simpler gehalten, aber nicht weniger schön. Sehr unkompliziert, nicht zu süß, aber doch warm, ohne in der warmen Jahreszeit zu stören. Man bekommt Lust zu kuscheln, auch wenn es heiß und schwül ist. Elegant. Der Name „Guerlain“ wird verdient getragen.


An mir ganz eindeutig cremig, aber nicht nach Hautcreme riechend. Ein klein wenig madamig, durchaus edel, sehr französisch. Nicht so sehr eine Tonka Impériale-Variante, sondern eher wie sehr, sehr feine Mandelcreme. Würde Sprüngli Marzipan-Luxemburgerli kreieren, dann müsste die Füllung von ihnen so riechen.


Gourmandig, aber ohne wirklich nach Essen zu riechen. Gerade der Hauch von Marzipan bzw Tonkacreme, der mir tragbar erscheint.
Die Basis ist sehr dezent, bei mir immer noch von der Herznote geprägt, nicht allzu männlich, doch sehr, sehr angenehm.

Haltbarkeit und Sillage sind in Ordnung. Es überlebt keinen ganzen Tag, doch das Umfeld fühlt sich davon sicher nicht gestört.
Auch sehr gut von Frauen tragbar.


Am Mann ein Parfum, das nicht lautstark „Ich bin männlich“ ruft, aber eben dadurch seinen Träger wirklich männlich wirken lässt.

Kurzum: Man bekommt das, was man von diesem Parfum erwarten darf. Dass er für manch eine Nischenparfum-verwöhnte Nase, die schon so viel gerochen haben, keine Offenbarung sein kann, das müsste eigentlich klar sein. Es wurde ein Duft kreiert, den man gut verkaufen kann. Der Zustimmung in der breiten Masse findet. Der nicht nur eine geringe Käuferschicht anspricht und nicht exklusiv ist.

Eben dies durften wir erwarten: Einen Mainstream-Duft, aber einen wirklich, wirklich sehr, sehr schönen.

 

Mitsouko EdT

Parfums zu kommentieren ist ja beinahe absurd. Wie soll man einen Geruch wirklich in Worte fassen? Wie soll an wirklich wiedergeben, was man riecht? Soll man sich auf die Duftnoten konzentrieren oder eher auf Eindrücke und Assoziationen? Egal, was man macht: Wirklich gelingen kann dies nie – alles kann immer nur ein Behelf sein, der einen ersten Eindruck gibt und neugierig macht.

 

Auch bei Bildern steht man vor diesem Problem: Man kann natürlich beschreiben, was auf ihnen zu sehen ist, wie sie gemalt wurden, welche Farben verwendet wurden, aber das gibt einem nie den Eindruck eines Bildes.

 

Hat man bei ganz ordentlich gelungenen Bildern lediglich das Problem, nicht richtig beschreiben zu können, was man sieht, so hat man bei außergewöhnlichen Bildern das Problem, dass man erst recht nicht beschreiben kann, warum sie so toll sind. Man sehe sich die Mona Lisa an. Warum fasziniert sie Menschen?

 

Wenn Sie eine Person finden, die die Mona Lisa nicht kennt – beschreiben Sie sie ihr! Und zwar so, dass diese danach nicht den Eindruck hat, dass sie ein normales Portrait sei. Und auch nicht so, dass sie vor lauter Theorien und Fakten so verwirrt ist, dass sie bereits vergessen hat, was eigentlich auf dem Bild abgebildet ist.

 

So ist es auch bei Parfums.

 

Wäre Mitsouko ein wirklich gutes Parfum, könnte ich nun schreiben, dass es zu den Guerlain-Klassikern gehört, die heute noch problemlos und zu einem wirklich günstigen Preis erhältlich sind. Ich könnte auch schreiben, dass Mitsouko der Signaturduft von Charlie Chaplin war und dieser immer etwas von Mitsouko bei sich in der Nähe haben musste.

 

Ich könnte über den Namen berichten, der mal als „Kind des Lichts“ und mal als „Geheimnis“ gedeutet wird, aber sicher anzeigt, dass Jacques Guerlain auf die damals herrschende Faszination für Asien reagiert hat. Natürlich könnte ich erwähnen, dass es sich auf eine Romanheldin bezieht, die zwei Männer liebt, die in einem Krieg jedoch auf zwei verschiedenen Seiten stehen.

 

Eventuell würde ich dann noch auf Luca Turin verweisen, den bekanntesten Parfumkritiker. Er würde Mitsouko mitnehmen, müsste er zum Mars auswandern und dürfte nur ein einziges Parfum einpacken.

 

Ja, wäre Mitsouko nur wirklich gut, dann könnte ich auch erwähnen, dass es wohl der Damenduft ist, der am besten von Herren getragen werden kann. Der Damenduft, der in einer gut sortierten, klassischen Parfumgarderobe eines Mannes nicht fehlen sollte.

 

Dann müsste ich natürlich auch noch thematisieren, dass Mitsouko ein Chypre ist. Ein ganz klassischer Chypre-Aufbau, aber doch etwas Einzigartiges und Richtungsweisendes.

 

Der frische Hauch zu Beginn, die fruchtig-blumige Herznote und die weich-holzige Basis mit sanften Anklängen von Gewürzen und einem wundervollen Eichenmoos-Geruch. Eben jene Basis, die zeigt, wie großartig der Geruch von Eichenmoos (mittlerweile chemisch hergestellt) wirken kann, die die Schönheit von Eichenmoos offenbart.

 

Natürlich müsste ich auf die Pfirsich-Note eingehen. Dass sie nicht das ist, was man von Pfirsich erwarten würde. Keine Spur künstlich, sondern vielmehr ein mit Blüten bedeckter Pfirsich, ganz natürlich, wie frisch aus dem Garten. Ohne einen Hauch von Dosenpfirsich-Feeling.

 

Dann würde ich wohl wieder von der Basis träumen, die wirklich das Highlight von Mitsouko ist und die aufgrund ihrer Anklänge den ganzen Duftverlauf hindurch den Duft zu etwas Wunderschönem macht.

 

Aber leider ist Mitsouko nicht ein wirklich gutes Parfum, es ist ein einmaliges Parfum. Eines der besten, das ich je gerochen habe. Für mich das Beste von Guerlain überhaupt.

 

Und ja, jetzt wird sich sicher wer denken: Pf, also wieder so ein Parfum, das einige nur mögen, weil es ein Klassiker ist.
Doch genau hier liegt ein großer Irrtum begraben, nein: zwei Irrtümer.

 

Man muss Klassiker nicht mögen. Jeder hat einen eigenen Geschmack und das ist gut so. Aber man muss ihre Qualität anerkennen und sollte sie nicht niedermachen. In der Literatur ist es auch so: Ich muss nicht Goethes „Faust“ mögen, aber ich muss seine literarische Qualität anerkennen. Denn dass er diese besitzt, das steht außer Frage – auch wenn sich immer wieder die eine oder andere Stimme erheben und dagegen protestieren mag. Doch diese Stimmen werden dann immer als das erkannt, was sie in Wahrheit sind: unqualifizierte Äußerungen und/oder Provokationen.

 

Außerdem: Ein Parfum wird nicht nachgekauft, nur weil es ein Klassiker ist. Ein erster unüberlegter Kauf, nur weil es ein Klassiker ist – vielleicht. Ein Nachkauf, nur weil es ein Klassiker ist – gibt es nicht.


Mitsouko hat viele Jahrzehnte auf dem Markt überlebt – und das sicher nicht grundlos.

 

Fazit: Wenn ich einmal auf den Mars auswandern muss und aus Zollgründen nur ein Parfum mitnehmen darf, Mitsouko käme in meine engere Wahl.


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