Hermès


1837 gründete der Sattler Thierry Hermès dieses Unternehmen, dessen Sortiment sehr bald um Lederwaren erweitert wurde, welche heute noch weltberühmt und begehrte Luxusartikel sind.

 

1951 wurden unter jenem Label dann auch Düfte vermarktet – begonnen mit Eau d’Hermès. Viele Düfte, die dann folgten, gelten mittlerweile als Klassiker, wie etwa Calèche oder Equipage. Und auch heute verfügt dieses Unternehmen immer noch über eine eigene Nase, was es ihm ermöglicht, hochwertige und spannende Parfums in verschiedenen Linien auf den Markt zu bringen.


Hermessence - Ambre Narguilé

Meine Grossmutter war einmal eine sehr gute Köchin gewesen. Aber noch viel besser als kochen konnte sie backen. Alle möglichen Kuchen, Torten, Plätzchen. Eigentlich wirklich alles. Alles ohne Rezept, das meiste auch ohne Waage. Eigentlich war es egal, was sie machte. Es schmeckte alles köstlich. Und da sie der Meinung war, dass es für jeden Sonntag und jeden Besuch bei ihr etwas Süsses geben musste, kam ich oft in den Genuss - ohne ihm je überdrüssig zu werden.

 

Als sie jedoch älter wurde, änderte sich manches. Sie hörte schlechter, wurde vergesslicher und wunderlicher. Entwickelte Eigenheiten, die mühsam waren. Hatte Probleme, die Anforderungen des Alltags zu meistern. Zwar liess sie sich nicht abhalten, weiterhin regelmässig zu backen, aber man merkte auch da, dass die Ergebnisse lediglich noch gut waren, nicht mehr exzellent. Manchmal war etwas leicht angebrannt, dann etwas zu fest, dann zu viel oder zu wenig von der einen oder anderen Zutat.

 

Sie merkte es wohl auch selbst, da sie anspruchsvollere Kreationen immer mehr mied. Keine glasierten Torten mehr, sondern nur einfache Schnitten. Keine kunstvoll verzierten Plätzchen, sondern welche ohne Dekor.

 

Es gab jedoch eine Kreation, die sich nie änderte. Und das war ihr Apfelkuchen. Dieser war noch nie besonders kunstvoll. Eben ein einfacher Apfelkuchen - Teig und Apfelfülle. Doch eben die waren beide perfekt und standen in dem ausgewogensten Verhältnis zueinander, das man sich vorstellen kann. Weder war der Teig durch die Fülle zu feucht noch war er zu trocken. Nicht zu dick und nicht zu dünn.

 

Auch die Fülle war weder zu süss noch zu sauer, hatte weder zu viele noch zu wenige Gewürze. Es war fast so, als wäre dieser Apfelkuchen DER Apfelkuchen schlechthin. Als wäre Platos Idee von einem Apfelkuchen in ihm verkörpert.

 

Ihn zu essen, das war wundervoll. Aber ebenso wundervoll war es, ihn schon beim Betreten des Hauses zu riechen. Der ganze Flur roch nach ihm. Nicht nur, dass man wusste, dass man bald etwas Wundervolles zu essen erhalten würde, schon der Geruch an sich war grossartig.

 

Da meine Grossmutter schon vor langer Zeit gestorben ist, habe ich auch schon sehr lange diesen Duft nicht mehr gerochen, ihn jedoch nicht vergessen. Eben er kam mir in den Sinn, als ich an Ambre Narguilé roch. Diese Mischung aus süssen Aromen, Rum, Gewürzen und dem Flair von Wärme.

 

Wenn ich Ambre Narguilé rieche, denke ich an diesen Apfelkuchen. Da ist es mir egal, dass die Harze für die Cremigkeit und Süsse zuständig sind. Auch frage ich mich nicht, ob das Honig ist, der zu riechen ist. Ob die Gewürze jetzt Zimt und Ingwer oder noch andere sind. Amber, Moschus, Tonkabohne, Vanille - alles egal. Apfelkuchen! Und zwar der ideale. Vielleicht als Parfum nur sehr selten tragbar, aber ein grossartiger Referenzduft in der Sammlung.

 

Ob andere ihn auch als so grossartig ansehen, ohne diese Erinnerung zu haben, das vermag ich nicht zu beurteilen. Doch alle, die einen schön gearbeiteten Gourmand-Duft suchen, der sie im Winter wärmt und beschützt, sind mit Ambre Narguilé zweifelsfrei gut beraten.

 

Hermessence - Cuir d'Ange

Parfumkommentare, die lange das Kauferlebnis beschreiben, mag ich eigentlich nicht. Jedoch komme ich bei Cuir d'Ange nicht umhin, selbst eine kurze Anekdote aus der Hermès-Boutique zum Besten zu geben.

 

Cuir d'Ange neu auf dem Markt, ich in die Boutique. "Ich möchte bitte gerne Cuir d'Ange testen" - aufgesprüht bekommen. Ich will meine Nase an mein Handgelenk führen, da ertönt ein "Halt!". Ich wundere mich - normalerweise rieche ich an Parfums, die man mir aufsprüht. Jedoch werde idch zu meiner grossen Verwunderung informiert, dass ich daran nun bitte nicht riechen möge. Dies ist per se schon schwer. Wenn man ein Parfum aufs Handgelenk sprüht, riecht man dies zwangsweise - auch ohne direkt daran zu schnuppern. Aber gut, ein Parfum, an dem man nicht riechen soll. Ich muss gestehen, meine Aufmerksamkeit hat die Verkäuferin nun wirklich.

 

Jedoch folgt erst einmal die Entstehungsgesschichte des Dufts. 10 Jahre hat Ellena daran gearbeitet. Ob dies jetzt ein gutes oder schlechtes Zeichen für einen Duft ist, keine Ahnung. Aber ich nehme es zur Kenntnis.

 

Dann endlich - die Erklärung. Der Duft braucht 20 Minuten, um sich zu entwickeln. Ich solle also erst in 20 Minuten daran riechen. Und jetzt ein wenig spazieren gehen.

 

So skurril dies auch ist - denn entwickeln muss sich ja jedes Parfum -, so sympathisch finde ich es. Ein starker Gegensatz zu "Schnuppern sie kurz an der Kopfnote auf einem Papierstreifen und kaufen Sie es dann sofort." Eben daher lasse ich mich auch nicht auf Diskussionen mit der Verkäuferin ein, sondern nicke, lächle freundlich und gehe.

 

Unnötig zu erwähnen, dass ich, kaum dass ich die Boutique verlassen habe, an meinem Handgelenk rieche. Und das, was ich zuvor schon in der Luft wahrnehmen konnte, verstärkt sich nun. Ein unglaublich feiner Lederduft. Passend zu Hermès und noch viel passender zu Ellena. So schwebend-leichtes Leder, welches so minimalistisch in Szene gesetzt ist, das gibt es sonst nicht.

 

Es wirkt wie hauchdünnes, ganz, ganz weiches Leder. Definitiv kein Sattelleder. Auch kein Stiefelleder. Nicht einmal Handtaschenleder., vielleicht feinstes Handschuhleder. Ganz fein, hell, hauchdünn, anschmiegsam. Engelsleder passt. Hätten Engel so etwas wie Schuhe, sie wären aus diesem Material. Hauchdünn, man tritt ja nie auf sie, wenn man schwebt.

 

Ebenso schwebt der Duft. Weiches Wildleder trifft es vielleicht am ehesten. Pudrig durch schön gezähmten Moschus. Interessanterweise ist er zwar so schön gesittet, aber nicht ohne Reiz. Ein Frühlingsleder. Wie auch der Frühling eine fröhliche, unbeschwerte und leichte Jahreszeit ist, die jedoch so viel Freude und auch so viel Lust mit sich bringt, ist auch Cuir d'Ange ein Frühlingsleder.

 

Alles scheint neu zu sein, zu wachsen, zu blühen, zu spriessen und zu gedeihen.

 

Cuir d'Ange ist vielleicht der jüngste Lederduft, den ich kenne. Kein Lederduft nur für den Mann von Welt. Ein Lederduft für alle, die das Leichte lieben. Ein Lederduft, wie ihn auch eine junge, zerbrechlich wirkende Balletttänzerin tragen könnte.

 

Ein Lederduft mit einer ganz klaren Handschrift von Ellena. So minimalistisch. Einfach Leder und das möglichst schön inszeniert. Ein Duft, der genau das bietet, was der Name verspricht, und doch so viel mehr ist. Minimalismus in seiner höchsten Stufe. Die perfekte Inszenierung eines Stoffes. Nie zu viel, aber auch nicht zu unbedeutend. So, dass man sieht, dass Minimalismus kein Verzicht, sondern ein Gewinn ist.

 

Am Ende muss ich zugeben: Ja, nach 20 Minuten hat der Duft wirklich das Stadium erreicht, wo er perfekt ist. Ganz leicht und schwebend. Zu Beginn ist er lediglich schön, wird dann noch ein wenig schöner. Aber warten, das ist unnötig. Vielmehr sollte man die sich aufbauende Schönheit geniessen und sich ein wenig dem leichten Gefühl hingeben. Und der Erfahrung, dass Leder so viel mehr sein kann als eine Kelly Bag. Auch bei Hermès.

 

Hermessence - Vétiver Tonka

Eigentlich ist alles einfach und gut. Ich mag keine Vetiver-Düfte. Also, eigentlich schon. An Männern. Oder anderen Leuten im Allgemeinen. Aber nicht an mir. Eben daher teste ich auch kaum welche ausgiebiger, da mir schon der erste Eindruck entgegenruft "Nichts für Dich!"

 

Habe ich kein Problem, klassische Männerdufte zu tragen, so fühle ich mich sogar mit Vetiverdüften, die für Frauen konzipiert wurden, wie verkleidet. Viel zu maskulin. Und einfach. Äh ja... Viel zu viel Vetiver! In der Basis ein bisschen, damit kann ich gut leben. Aber mehr - nein danke.

 

Eben daher war Vétiver Tonka ein Duft, dessen Existenz ich zur Kenntnis nahm - und mehr nicht. Die etwas schräge Kombination fand ich witzig gewählt - und mehr nicht.

 

Das Wort "Vetiver" überwog lange jegliche Neugier. Erst als ich alle anderen Parfums dieser Serie durchgetestet hatte, dachte ich mir, dass ich - lediglich der Vollständigkeit halber - es einmal probieren könnte. Schliesslich soll man wissen, was es so gibt. Und so schlimm kann es nicht sein, wenn Ellena dahintersteht. Zumindest wird es keine Vetiver-Bombe sein, die so stark riecht, dass man viele Stunden von ihr verfolgt wird.

 

Aufgesprüht und da ist ja Vetiver. Also dieser Auftakt, der müsste nicht sein. Für ein paar Sekunden rieche ich einfach nur Vetiver. Vielleicht ist meine Nase da übersensibel. Also Handgelenk erst einmal von der Nase weg. Besser. Da ist noch etwas. Etwas Nussiges. Nett. Vetiver und Nuss, das passt wirklich gut. Ich wäre zwar nie auf die Idee gekommen, dass diese zwei Noten harmonieren könnten, aber sie tun es. Wie das Aroma von frisch gerösteten und gemahlenen Haselnüssen mit ein wenig Vetiver darüber. Lecker, ohne wirklich nach Essen zu riechen.

 

Es wird dann noch ein klein wenig lieblicher. Ich bin fast geneigt, süsslicher zu sagen, aber das trifft es nicht wirklich. Ja, das ist schon Tonkabohne, aber nicht in einem Gourmand-Sinn. Es ist eher ein "Wie bändige ich möglichst kreativ Vetiver?" Oder "Wie bringe ich Vetiver dazu, leicht zu sein?"

 

Wie bei allen Ellena-Düften dieser Linie, ist auch hier der Namen des Parfums gleich das Motto. Er sagt eigentlich alles - 2 Akteure, um die es geht. Er sagt jedoch nicht, wie genial die Ausführung ist. Vetiver und Tonka mit einem Hauch von Nussaroma. Kann man sich nicht vorstellen, muss man riechen. Wie gute kreative Essenskreationen. Zutaten, von denen man nie auf die Idee gekommen wäre, dass man sie kombinieren könnte. Von denen man sich auch nicht vorstellen kann, dass sie gemeinsam gut schmecken. Deren Aromen aber so perfekt harmonieren, dass man sich fragt, warum noch keine andere Person auf diese Idee gekommen ist.

 

Eben so ist es auch hier der Fall. Das geht einfach auf. Ist simpel, reduziert, nicht überladen, aber neuartig und schön. Klare minimalistische Handschrift von Ellena.

 

Zudem ist es ein Parfum, das ich beim besten Willen nicht eher Männern oder eher Frauen zuordnen könnte. Es ist komplett asexuell. Passt zu allen Gelegenheiten, die nicht mit Intimität zu tun haben. Ist sophisticated. Ist selbstbewusst. Wer auf eine kühle und abweisende Art steht, der wird sich vielleicht von Trägern dieses Parfums angezogen fühlen. Wer einen fähigen Mitarbeiter sucht, der wird schon eher davon überzeugt sein, in dem Träger des Parfums einen solchen gefunden zu haben. Ein bisschen unnahbar, ohne dabei arrogant oder geheimnisvoll zu wirken.

 

Um es kurz zu machen: Vétiver Tonka sollte allen Parfumliebhabern bekannt sein. Nicht, weil ich jetzt behaupten möchte, dass es eines der besten Parfums ist. Sondern einfach, weil diese Kombination der Duftstoffe so neu und so gelungen ist, dass man sie zumindest einmal gerochen haben sollte. Und weil dieser Duft meiner Meinung nach in der Lage ist, so manch eine Abneigung gegen Vetiver relativieren zu können.


Kommentare: 1
  • #1

    alice im Wunderland (Sonntag, 10 April 2016 00:28)

    wunderschöne Beschreibung! Habe gerade heute das Hermes Fläschchen in Funktion gebracht. Lederschuhe für Engel. Diese Vorstellung, dann weiter gesponnen, dass, weil sie Engel sind, ihre feinst angefertigte Fussbekleidung in feinstem, dünnen Leder in keinster Weise beschädigen können. Hat nicht Hermes auch Spezielle Schuhe bekommen zum Fliegen können? (habe irgendsowas in meiner Gedächniskammer in der hintersten dunklen Ecke knistern gehört)
    Dann das Spiel mit der Minimalisierung, die du erwähnst bei Elena - eine hohe Kunst auch in der Architektur, im Entwickeln von gutem Design, Schmuck usw. usf.....oder die wunderbaren Kreationen, die sich die Natur einfallen lässt, wenns um möglichst viel Informationen in minimalstem Platz zu verpacken geht > Doppelhelix, Goldener Winkel in der Anordnung von Samen auf einer Sonnenblume....
    Auch werde ich nun jedes Mal an deine Apfelkuchen denken, erstens wenn ich selber einen mache, (noch oft) oder wenn ich "Hermes" versprühe.