Jovoy

In den 20er Jahren in Paris blühte das Parfumhaus Jovoy unter der Führung von Blanche Avroy, deren olfaktorische Kreationen als Kunstwerke der Luxusparfümerie galten und dementsprechend standesgemäss in edlen Glasflakons von Baccarat angeboten wurden.

 

Doch dann wurde es lange ruhig um das Dufthaus und die internationalen Erfolge gerieten beinahe in Vergessenheit, bis François Hénin im Jahr 2011 begann, in Zusammenarbeit mit bekannten Parfumeuren die Marke neu zu konzipieren und neue, tiefgründige Düfte zu kreieren, die nun wieder weit über die Landesgrenzen Eindruck zu hinterlassen vermögen.


Les Jeux sont Faits

Es ist doch immer wieder faszinierend, wie Marken die Rezeption ihrer Parfums lenken. Liest man die Informationen zu “Les Jeux sont Faits”, erfährt man, dass dies eine Ode an die französischen Filmikonen der 60er Jahre sein soll. Ein Parfum, welches die Männer der damaligen Generation getragen hätten, die den Krieg und die Besatzung überlebt haben. Ein Parfum für eine Zeit, in welcher die Menschen arm waren, Kriminalität an der Tagesordnung stand. Ein Parfum für eine Zeit, in welcher Raufbolde noch als ideale Schwiegersöhne galten. Ein Parfum, welches die Anspannung  rund um die Spieltische in den Kasinos spürbar machen soll, die tabakverhangene Luft dort. Ein Duft für Männer, die rauchten, tranken und für die die Verwendung von Parfum eigentlich unpopulär oder gar ganz und gar unüblich war.

 

So viel zum Marketingtext. Zusammenfassend: Ein Parfum für Männer der 60er Jahre, die das Kasino liebten und eigentlich kein Parfum trugen.

 

Und wirklich, so irgendwie kann man “Les Jeux sont Faits” in dieses Schema einordnen. Das Parfum startet mit dem Geruch von Angelikawurzel und einer starken Alkohol-Note. Alle möglichen Spirituosen, welche nicht süßlich sind, vermengen sich. Auch rauchige Noten sind vorhanden. Dunkler Rauch, der in der Luft hängt. Ein Zimmer, welches schon lange nicht mehr gelüftet wurde. Kreuzkümmel sorgt für eine schweißige Note. Im Verlauf wird Patchouli immer stärker, wobei der Duft nie ein reiner Patchouli-Duft wird. Auch kommen weichere Noten hinzu, welche das Rauchige und Kantige mildern, doch auch sie bleiben immer nur im Hintergrund.

 

Man ist also versucht, sich der Marketingmaschinerie anzuschließen. Zu bestätigen, dass die Herren von damals dieses Parfum getragen hätten. Sie, die sich mit Zigaretten und Spirituosen in dubiosen Hinterzimmern versammelten, um zu spielen. In einer Zeit, in welcher es noch nicht üblich war, sich täglich zu duschen. In welcher Männer keine Deos verwendeten, sondern noch nach Schweiß und Rauch rochen.

 

Dies jedoch wirklich zu tun, davon wird man doch von zwei Faktoren gehindert. Der erste ist, dass die Basis viel zu lieblich ist. Patchouli, Labdanum, Sandelholz und Vanille – dies könnte eher die Basis von einem Damenparfum sein. Zwar wird diese hier nie zu dominant und schwächt lediglich die sehr männlichen Noten soweit ab, dass das Parfum tragbar wird, aber wäre dies in den 60er Jahren ganz sicher nicht als Herrenparfum gesehen worden. Außerdem – wie schon erwähnt – hätte der Mann der 60er, welcher als Inspiration diente, überhaupt nicht zu Parfum gegriffen.

 

Die zweite Auffälligkeit ist der Name des Parfums. Keine Anspielung an das Casino, wie uns der Marketingtext glauben machen will, sondern der Titel eines sehr berühmten Theaterstücks von Sartre. In diesem geht es um die Frage nach dem Determinismus, nach der großen Liebe, die man erst nach dem Tod trifft und nach der Frage, ob wahre Liebe wirklich stärker als alle Widerstände ist. Diese wird jedoch mit einem klaren “Nein” beantwortet. Standesgrenzen und politische Ideale trennen die beiden Personen, welche eigentlich füreinander bestimmt waren. Eigene Interessen stehen für beide im Vordergrund, wenngleich beide wissen, dass sie sich lieben und eigentlich füreinander bestimmt wären.

 

Dieses Theaterstück wird zwar in keinem Marketingtext erwähnt, doch ist es auszuschließen, dass so eine bewusste Anspielung Zufall ist. Vielmehr schwingt auch das Theaterstück von Sartre in diesem Parfum mit. Diese aussichtslose Lage der beiden Personen, deren Entschlossenheit zu kämpfen, doch die Frage, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Die Liebe, die anderen düsteren Emotionen weichen muss, aber doch vorhanden ist. Die Abgründe der menschlichen Seele.

 

All dies passt viel besser zu diesem rauchig-alkoholischen Duft, der zwar vor allem brutal-männlich erscheint, doch auch ganz dezente liebliche Anklänge hat. Vor allem ein Duft von gewaltiger Größe, beeindruckendem Auftreten und einer eigenartigen Attraktivität - zweifelsohne des Theaterstücks von Sartre würdig.


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