Jul et Mad

Dass Parfums Geschichten erzählen können, das ist nichts Neues. Dass manche Parfums Liebesgeschichten erzählen, ist auch nicht neu. Neu ist jedoch, dass die Parfumkollektion von Jul et Mad die Liebesgeschichte der beiden Gründer der Marke, Madalina Stoïca-Blanchard und Julien Blanchard, nacherzählt. Einzelne Momente ihrer Beziehung haben sie in Parfums eingefangen und diese, so wie Kapitel eines Buches, zu einer Kollektion angeordnet.

 

In enger Zusammenarbeit mit französischen Firmen, die auf traditionelle Parfumherstellung spezialisiert sind, wurde aus hochwertigen Materialien eine Kollektion zum Verlieben erstellt.

 

Zu jedem ihrer ersten drei Parfums gibt es eine Liebesgeschichte (auch auf der offiziellen Website nachlesbar), die genau jenen Moment einfangen soll, den auch das Parfum repräsentiert.

 


Stilettos on Lex

(Copyright Jul et Mad)
(Copyright Jul et Mad)

Auch wenn man dank Marketing schon weiß, dass sich die beiden Protagonisten am Ende bekommen werden, so weckt doch die erste Begegnung das Interesse. Wie haben sich die beiden kennengelernt? Welches Parfum steht für eben jenen magischen Augenblick?

Das Parfum der ersten Begegnung startet auf meiner Haut mit einer Zitrusnote, welche sehr schnell wieder verschwindet und von einem pudrigen Birnengeruch abgelöst wird. Kurz bleibt es fruchtig, angenehm süß, doch nicht klebrig. Ein Hauch von Pflaume, eher süßlich, doch ohne Alkohol. Pflaumensirup, falls es so etwas geben sollte.


Dann erscheinen die Hauptdarsteller an: Blumen. Ein großer Blumenstrauß, den man nicht in seine Einzelbestandteile zerlegen kann, in dem jedoch alle Nuancen enthalten sind, die Blumen zu bieten haben. Trotz der verschwenderischen Fülle an Blumen wird er nie überbordend, sondern bleibt gezügelt und im Zaum gehalten. Allzu sinnliche Nuancen werden durch pudrige und holzige Akkorde abgedämpft. Es ist, als würde man ein schönes Bouquet aus einer gewissen Distanz riechen. Noch immer sehr schön, aber keine Sekunde aufdringlich. Zudem in einer Entfernung, die groß genug ist, um die Gefahr, dass man von all den Blumen „erschlagen“ wird, verhindert. Eben der zarte Hauch eines opulenten Bouquets, nicht das Bouquet an sich.


Es bleibt pudrig, weich-holzig und ein Hauch von Vanille, eher unsüß, ist zu erkennen. Patchouli hält sich sehr im Hintergrund und würde es nicht in der Pyramide stehen, ich hätte es nicht identifizieren können.

Die Basis nehme ich vor allem als Sandelholz mit Heliotrop sowie Vanille wahr. Ein Hauch von Blumen bleibt bis zum Schluss präsent und auch der pudrige Charakter verschwindet nicht, wird jedoch deutlich schwächer.

Die Sillage empfinde ich als mittelmäßig, die Haltbarkeit als gut. Wenngleich als unisex deklariert, könnte alleine der Name dazu führen, dass vor allem Frauen ihn kaufen.

Was ist nun die Liebesgeschichte dazu? Ich erzähle sie einfach einmal mit meinen Worten und meinen Assoziationen nach:

New York. Die Menschen strömen durch die Straßen, eilen in die Arbeit, Menschenmassen bewegen sich. Nur ein Mann, schön gekleidet, mit Anzug und Aktentasche, steht ein wenig abseits. Er blickt verwundert, beinahe entgeistert. War dies gerade Realität oder hat er es sich eingebildet?


Wie jeden Tag war er zur Arbeit gegangen, noch ein wenig Müde, in Gedanken schon in der Arbeit. Doch dann hatte er ihren Schritt gehört. Ihre Absätze, wie sie auf den Asphalt aufschlugen. Gleichmäßig. Bestimmend, aber doch elegant. Nicht, dass er zuvor noch nie Absätze auf Asphalt gehört hätte, aber diesmal war es etwas Besonderes gewesen. Etwas, das aus der Menge hervorgestochen war.


Dann hatte sie ihn schnellen Schrittes überholt. Ganz nahe war sie an ihm vorbeigeeilt, sodass er nicht einmal wirklich einen Blick auf ihr Gesicht hatte erhaschen können. Nur der Hauch eines Eindrucks von ihrem Profil war ihm geblieben. Und ein genaues Bild ihrer Stilettos, auf die er geblickt hatte, als sie vor ihm ging. Auch jene hatte er zwar nur für wenige Sekunden gesehen, denn die Menge hatte sie sofort wieder aufgenommen, doch das Bild hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Genauso wie die Erinnerung an ihr Parfum. Auch jenes, nur ein Hauch, der seine Nase umwehte. Von dem er nicht mehr sagen konnte, ob er es wirklich wahrgenommen oder sich nur eingebildet hatte. Wie er auch nicht wirklich sagen konnte, ob er die Frau wirklich gesehen hatte, ob sie wirklich so aussah, wie seine Erinnerung ihn glauben machen wollte – oder ob all dies nur Einbildung war. Doch nein, Einbildung konnte es nicht sein, denn dazu hatte er das Bild ihrer Stilettos viel zu genau im Gedächtnis.

Der Hauch eines Parfums einer Unbekannten, von dem man nicht weiß, ob man ihn wahrgenommen oder sich erträumt hat. Für mich wunderschön, nicht nur wegen der Assoziationen. Einfach ein wenig zum Verlieben und Schwärmen. Die Ankündigung einer großen Liebe zu einem Zeitpunkt, wo sich die beiden zum ersten Mal getroffen haben, aber noch nicht wissen, was Wundervolles vor ihnen liegt. Aber der Zeitpunkt, den beide nicht vergessen können. Von dem an beide ein wenig zu häufig an den anderen denken. Von dem an sich alles ändern wird, wenngleich es noch etwas dauern wird, bis dieser erster Eindruck der Begegnung durch mehr Realität verstärkt wird. Doch auch ein erster Eindruck, der neben seiner Faszination sagt „Alles wird gut, vertrau mir nur.“

 

Terrasse à St-Germain

(Copyright Jul et Mad)
(Copyright Jul et Mad)

Der Mittelteil der Liebesgeschichte, der in Paris, der Stadt der Liebe spielt:

Mit dem Auftakt kann ich mich nicht anfreunden. Beim ersten Tragen war es für mich ein "Äh, ja, hm, nein, nicht so toll", als ich gleich nach dem Aufsprühen daran roch. Bei mir riecht er nicht, wie bei Beryll, frisch und leicht würzig, sondern ich empfinde ihn als grün, zitrisch und etwas stechend. Das liegt zwar schon auf einer schönen Basis, aber dennoch. Irgendwie unangenehm, ganz gegen den restlichen Duftverlauf.

Nach ganz kurzer Zeit ist dieser Spuk auch schon verflogen und es geht mit von weißem Moschus unterlegten Blumen weiter. Sehr sanft, die Blumen sind eher hellrosa und weiß oder haben andere helle Farben. All dies wirkt jedoch keinen Augenblick kitschig, übertrieben oder gewollt. Es wirkt natürlich. Schön geöffnete Lotusblüten auf einer stillen Wasseroberfläche, am Ufer ein Gesteck mit Rosen, noch dazu ein paar Freesien. Dazu eine sehr harmonische und ruhige Stimmung. Die Blumen kämpfen nicht gegeneinander und die Rose beansprucht nicht die Vormachtstellung, sondern alle bilden einen schön blumigen Hauch, der einem entgegenweht.

Die Basis ist holzig, etwas tiefer, doch die Blumen verschwinden nicht, wenngleich ich mir einbilde, dass die Rose nun stärker als die anderen Blumen ist. Moschus bleibt bis zum Schluss sehr präsent. Patchouli an sich erkenne ich nicht. Ich tippe, dass hier sehr sauberes Patchouli verwendet wurde und lediglich die Tiefe bewirkt, doch nicht als Akteur selbst in den Vordergrund tritt.

Ich empfinde die Terrasse in St. Germain als eindeutig eher unisex als die New Yorker Stilettos, die Haltbarkeit ist bei mir erneut gut, die Sillage nehme ich als sehr mittelmäßig wahr.

Terrasse à St-Germain löst in mir keine Begeisterungsstürme aus, wenn ich es trage, ich muss nicht immer verträumt am Handgelenk schnüffeln, doch ist es das Parfum der Reihe geworden, das ich am häufigsten verwende, da es für mich eine wunderschöne Begleitung in die Arbeit darstellt. Nicht aufdringlich, doch immer da. Ein Hauch von Ruhe, ein wenig Selbstsicherheit. Einer der Düfte, bei denen das Wort "gefällig" eine Auszeichnung und nicht ein Euphemismus für "einfallslos" ist.

Auch wenn ich sonst das Wort eher meide, so kann ich nur sagen, dass, müsste ich diese Kreation in nur einem Adjektiv beschreiben, ich "sophisticated" wählen würde. Und gäbe es einen Anlass, zu welchem ich mich unbedingt unglaublich sophisticated fühlen und eben dies auch ausstrahlen will, würde ich ohne eine Sekunde zu zögern zu Terrasse à St-Germain greifen.

Doch nun zum Ende der Liebesgeschichte - wieder eher frei nach der Werbekampagne:

Sie sitzt im Café auf der Terrasse. Es ist ein modernes Cafés, welches jedoch eine Aura von Heimeligkeit auszustrahlen vermag. Ein Hauch von Bohème, aber ohne heruntergekommen zu wirken. Eben dort haben sie sich verabredet. Sie weiß, dass sie etwas zu früh ist, aber das ist ihr egal. Die Sonne scheint ihr auf die Nase, der Pariser Flair umweht sie, Menschen schlendern durch die Gassen, die Blumen in den kleinen Vasen an den Tischen auf der Terrasse des Cafés sehen hübsch aus und duften sogar dezent.

Doch sie ist unruhig, wippt mit den Füßen, blättert unentschlossen in der Speisekarte. Weiß nicht, ob sie schon bestellen oder noch warten soll. Blickt in die Menge, doch sie sieht ihn nicht. Blättert wiede in der Speisekarte, um sich die Zeit zu vertreiben. Dann fällt ein Schatten auf den Tisch, auch die Seiten der Speisekarte liegen jetzt im Schatten. Sie blickt auf, sieht ihn, blickt ihm in die Augen, steht ohne ein Wort zu sagen auf und beide umarmen sich innig. Wie lange sie sich umarmt haben, dass wissen sie nicht. Nach einer Weile setzen sie sich, lassen sich jedoch nicht los. Müssen sich immer berühren, um sich selbst zu versichern, nicht zu träumen.

Seit der Umarmung ist die Stimmung wie ausgewechselt. Alles wirkt so locker, so leicht, so richtig. Die Zeit vergeht wie im Fluge, sie vergessen beide, dass dies erst ihr erstes Treffen ist. Sie nehmen nichts um sich herum wahr. Sie wissen nun beide, dass dies der Beginn von etwas Wunderbarem ist, dass sie nun angekommen sind.

 

Amour de Palazzo

(Copyright Jul et Mad)
(Copyright Jul et Mad)

Das große Finale der Liebesgeschichte. Aus Leidenschaft wird Liebe. Die beiden kommen endlich zusammen. Wenn ein Parfum verspricht, dies auszustrahlen, darf man sich viel erwarten. Und in diesem Fall wird man auch nicht enttäuscht.
 
Aufgesprüht und die ganze Kraft, die in Amour de Palazzo steckt, überrollt mich. Ein dezenter Auftakt ist etwas anderes, hier erahnt man nicht nur, dass man etwas Schönes vor sich hat, sondern wird direkt darauf hingestoßen.

Das Erste, das ich wahrnehme, ist Leder. Sehr sinnlich und edel, eindeutig weiches, feines Leder, von würzigen Noten umgeben, dadurch leicht bitter, aber keineswegs unangenehm. Eine Weile wird es immer würziger und die Kopfnote hält sich länger an mir, als es eine übliche Kopfnote zu tun pflegt. Viele Stunden bleiben sie, werden zwischendurch immer stärker, dann wieder schwächer.

Die anfängliche Stärke des Duftes wird ein wenig schwächer, sodass er einen nicht mehr allzu sehr fordert, doch einen auch nicht für eine Sekunde loslässt.

Nach einer Weile kommen die animalischen Noten deutlich stärker zum Tragen. Leder, Patchouli und harzige Noten unterstützt von Bibergeil und Holz. Patchouli ist übrigens die Komponente, welche alle drei Parfums dieser Serie verbindet und somit den roten Faden der Liebesgeschichte darstellt.

Oud empfinde ich an mir nicht als allzu präsent, sondern meiner Meinung nach eher dafür da, noch mehr Tiefe und Dramatik zu verleihen. Amber ist wohl für eine gewisse Wärme zuständig und sorgt dafür, dass der Duft nie allzu hart scheint, allzu kantig.

Der Duft changiert auf mir sehr stark. Mal präsenter, dann dezenter. Mal dünkler, beinahe schwarz, dann lieblich, weich, schmeichelnd, mal rauchig, mal sanft. Alles ist zu erkennen. Manchmal zeitgleich, manchmal nacheinander.


Alles ist sehr gut verwoben, sodass ich es nicht eindeutig aufschlüsseln kann, aber ich denke, das darf man auch gar nicht. Manchmal darf man Schönheit nicht analysieren, nicht fragen, warum sie wundervoll ist. Man muss es einfach akzeptieren und sich darüber freuen, sich von ihr überwältigen lassen.

Die Haltbarkeit ist fantastisch, die Sillage eher stark. Definitiv unisex.

Die Parfums von Jul et Mad erzählen alle Geschichten. Geschichten von Begegnungen. Die Geschichte von Amour de Palazzo spielt in Venedig. La Serenissima, eine Stadt voller Geheimnisse und Masken. Wird in New York und Paris noch das Kennenlernen und das erste Treffen beschrieben, so ist Venedig der Ort, an dem sich die Leidenschaft äußert. Man kommt sich näher, deutlich näher.

Man ist in einem Palazzo. Eben hier hat man sich verabredet. Nach all den schüchternen Blicken endlich – das große Treffen. Man ist maskiert, alles ist dunkel, nur wenige Kerzen beleuchten die langen Flure. Hier. Aber wo ist hier? Kein genauer Ort ist ausgemacht. Man streift durch die Gänge. Hat man etwas gehört? Ist da jemand hinter einem? Man ist nervös. Weiß nicht, ob es Vorfreude oder Aufregung ist, die man empfindet. Gleichzeitig nimmt man die Opulenz, den Luxus, den dieser Palast ausstrahlt, wahr. Die riesigen Kerzenleuchter an den Decken. Fast einschüchternd, aber doch auch so wunderschön, so unwirklich, so einzigartig. Ein Ort, dem man seine Geschichte anmerkt. Ein Ort, der schon viel gesehen hat. Ein Ort, der aber dennoch schweigt.


Wie soll man sich verhalten? Durch die Gänge schlendern? Dafür ist man zu ungeduldig. Man eilt schnellen Schrittes, beginnt schließlich zu laufen. Wohin? Egal, einfach laufen. Es wird schon zu ihm führen.


Dann endlich. Aus dem ich und dem du wird ein wir. Es ist brennende Leidenschaft, kaum zu zügeln. Alles überrollt einen. Keine Ahnung, welche Gefühle es sind, es sind viele. Sie sind mächtig. Und schön. Nur langsam ebbt sie ein bisschen ab, nur langsam wird man sich bewusst, dass es nicht nur Leidenschaft, sondern viel mehr ist. Der Beginn einer großen Liebe.

Kurzum: Klare Testempfehlung! Und nein, nicht nur aufgrund der wunderschönen Geschichte, die das Marketing anregt und die man sich selbst erträumen kann.

Kurzurlaub in Venedig, ohne das Haus zu verlassen. Wunderschön, leidenschaftlich, atemberaubend. Zauberhaft.


Kommentare: 1
  • #1

    Kalle (Samstag, 05 März 2016 13:10)

    Kommentare und Fotos großartig.