L'Artisan Parfumeur

L’Artisan Parfumeur ist nicht nur eines der bekanntesten Nischenparfumhäuser, sondern auch eines der ältesten. Gegründet 1976 verfolgt man bis heute den Anspruch, basierend auf französischer Parfumeurskunst Neues zu erschaffen.

 

Neben dem Starparfumeur Bertrand Duchaufour, der regelmässig für dieses Haus arbeitet, gibt es auch immer Input von neuen Talenten. Eben dadurch entsteht eine breite Vielfalt, die mal Schmeichelndes, mal Herausforderndes zu bieten hat.

 

Zu den durchaus gewagten, sehr spannenden und vor allem wunderschönen Neuheiten zählt etwa die Explosions d’Emotions-Serie, die die olfaktorische Komponente von Emotionen einfangen will und sich abseits jeglichen rationalen Zugangs präsentiert.


Amour Nocturne

(Copyright L'Artisan Parfumeur)
(Copyright L'Artisan Parfumeur)

Was darf man sich von einem Parfum, das so einen verführerischen Titel trägt, erwarten? Wenn man sich die Bewertungen im Internet ansieht, wohl nicht zu viel. Meine ersten Begegnungen mit dem Parfum waren auch ernüchternd. Zu Beginn ein "Igitt, das stinkt", danach ein "Äh, interessant", dann ein "Ok, in Ordnung, aber ich verstehe es nicht" bis dann die Offenbarung kam und ich es zu lieben lernte. Doch wie lernt man, etwas zu lieben?

 

Wenige Jahre nach Christi Geburt erschien in Rom ein faszinierendes Werk - Ovids "Ars Amatoria". In jener unterrichtet er (auf sehr unterhaltsame und nicht immer allzu ernste Art und Weise) erst die Männer und dann die Frauen in einer Kunst, die ohnehin schon jeder beherrschen sollte, der Kunst der Liebe.

 

Männer lernen, wo sie eine Frau finden können, wie sie diese verführen und an sich binden können. Wie sie ihr schmeicheln, wie sie nicht allzu sehr finanziell von ihr ausgenutzt werden, dass sie die Frau loben und gerne auch Meineide schwören sollen, dass man eifersüchtige Frauen gut mit Sex besänftigen kann und Ähnliches.

 

Frauen lernen, wie sie möglichst attraktiv wirken können. Sie mögen ihrem Geliebten nur perfekt hergerichtet erscheinen, ihre Schönheitsgeheimnisse verstecken. Sie mögen ihren Makel verbergen. Sie sollen gebildet sein, eine angenehme Gesellschaft, darauf achten, dass sie nicht zu launisch sind, dass sie nicht zu viel fordern und sogar, welche Stellung am besten zu ihrer Figur passt.

 

Nimmt man heute eine Frauenzeitschrift zur Hand, so wird man finden, was einem Mann gefällt, in welchen Dessous man ihn verführen kann, welches die beliebtesten Phantasien der Männer sind etc. Ob es in Männerzeitschriften ähnliche Dinge gibt, weiß ich nicht. Diesbezüglich fehlt mir die Erfahrung.

 

All dies, was hier gelehrt wird, ist keine Liebe, sondern ein perfektes Schauspiel. Keine Leidenschaft, nur Pose. Keine Lust, nur Dienst am anderen. All die drei Dinge kann man nicht lernen, sie sind einfach da und man muss sich ihnen nur hingeben. Nicht denken, sondern fühlen.

 

In Bezug auf "Amour Nocturne" bedeutet es, nicht auf die Inhaltsstoffe zu schauen, die hier angeführt sind, von denen bis auf Zeder und einem Hauch von Rauch nichts wahrnehmbar ist und die die Kundschaft ein wenig verwirren wollen, sondern einfach nur zu genießen und zu fühlen. Kopfkino statt analytischer Blick - äh, Riecher.

 

Und ja, das bedeutet auch, dass man keine Angst vor der Sillage hat. Sie wirkt stark, aber so wirklich gut kommt Amour Nocturne nur zur Geltung und so richtig zum Träumen verführt es nur, wenn man es nicht dezent aufs Handgelenk sprüht, sondern sich großzügiger damit parfümiert.

 

Amour Nocturne verkörpert Liebe, Lust und Leidenschaft, die all die Vorschriften ignoriert.

 

Dessous? Wozu denn, wenn die doch meist ohnehin nicht so bequem sind und man sie außerdem mühsam ausziehen muss.

 

Vorhänge zu, Licht aus oder höchstens Kerzenschein? Ja, das mag ja der Figur schmeicheln, aber warum bitte soll das immer notwendig sein? Bei Tageslicht macht es doch auch Spaß.

 

Sich überlegen, was dem Partner gefallen könnte? Nein, klar kommunizieren, was man selbst mag und hoffen, dass der andere seine Vorlieben auch klar kommuniziert.

 

Sich nicht zu überlegen, was der andere von diesen Aussagen halten könnte, sondern sie einfach äußern.

 

Selbstzweifel, weil man bei GNTM keine Chance hätte? Einen vermeintlichen Makel verbergen? Wozu, das ist doch nur mühsam für einen selbst.

 

Einfach einmal den Partner schnappen und auf die Couch zerren, wenn das Bett zu weit weg ist. Zu erkennen, wie süß sanfter Schmerz sein kann.

 

Nach etwas Weingenuss leidenschaftlicheren Sex als sonst zu haben.

 

Sich gehen lassen, den Moment genießen, nicht nachdenken, ob dies nun passend ist, was sich der andere denken könnte, ob man dabei gefällt, sondern einfach nur fühlen. Es genießen, verwöhnt zu werden, ohne zu überlegen, wie man sich dafür revanchieren muss. Es genießen, zu verwöhnen, ohne dass man dafür eine Gegenleistung erwartet.

 

Bilder dieser Art kann "Amour Nocturne" heraufbeschwören, wenn man es nur lässt. Und genau so riecht es, nach eben diesen Momenten. Keine klar erkennbaren Duftnoten, nur Eindrücke, die hoffentlich jeder kennt.

 

Ein einmaliger Test wird dies nicht schaffen. Abends auf der Couch mit einem Gläschen Wein, ein wenig müde, ein wenig träumend und sich dem Kopfkino hingebend, kann man einen guten Zugang zu diesem Parfum finden, wenn man bereits eine gewisse Vertrautheit mit dem Duft erlangt hat und wenn man bereit ist, einmal seinen Verstand zu ignorieren, alles zu vergessen, was andere sagen, und nur auf seine Emotionen zu hören.

 

Déliria

Kardinalfehler

 

Vorweg: Nein, Kardinalfehler sagt man nicht, weil Kardinäle schwerwiegende Fehler machen. Kardinalfehler leitet sich vielmehr vom lateinischen Wort cardo, welches Eck- bzw Angelpunkt bedeutet, ab und bezeichnet einen Fehler in der Basis, welcher ein weiteres Vorgehen unmöglich macht.

 

Eben solche Kardinalfehler habe ich der Reihe nach bei den ersten zwei Tests von Déliria begangen und fand das Parfum schrecklich. Erst ein „Der könnte etwas für dich sein“ ließ mich aufhorchen. Déliria? Dieser außerirdische Obstsalat? Der Clown Pennywise am Jahrmarkt? Aber gut, jeder hat noch eine Chance verdient – sowohl jeder Duft als auch noch jede

Person, begangene Fehler auszubessern.

 

Die Chronologie meiner vier Kardinalfehler in Bezug auf Déliria:

 

Lesen der Duftpyramide: Sie ist frei erfunden und spielt mit dem Träger. Wenn man sie ignoriert, macht das Parfum viel mehr Spaß. Man sucht keine einzelnen Noten mehr und ist freier.

 

Zweimaliger Test: Für Déliria brauchte meine Nase Zeit und vor allem Ruhe. Kein eben mal Aufsprühen in der Parfümerie und dann weiter durch die Gegend laufen. Lieber ein Sprüherchen am Abend.

 

Bewusstes Riechen am Handgelenk: Nein, bei diesem Parfum darf man keine Noten suchen. Man lässt es einfach auf sich wirken.

 

Aufsprühen auf der Haut: Ich kann mir nicht helfen, vielleicht liegt es auch an der Hautchemie, aber für meine Nase muss Déliria auf Kleidung getragen werden.

 

Sprüht man Déliria also irgendwo unterwegs schnell mal aufs Handgelenk, schnuppert zwischendurch immer wieder intensivst daran, sucht die ganzen Noten, die vorhanden sein sollen und denkt vielleicht noch an all die Kommentare hier, bekommt man einen ekelhaft metallischen Geschmack im Mund, fühlt sich an Blut erinnert und fragt sich, was das ganze süße Zeug den bitte soll. Blut und klebriges Zuckerzeugs mag zwar für einen Steven King Roman passen, doch danach will man doch bitte nicht riechen.

 

Sprüht man Déliria auf die Kleidung auf und ignoriert einfach einmal alles – sowohl, was man darüber gelesen hat, als auch, dass man Parfum aufgesprüht hat –, dann geschieht Wundervolles: Immer wieder steigt einem ein leicht süßlicher Geruch in die Nase und zaubert einem ein Lächeln aufs Gesicht. Zu Beginn konnte ich es nicht glauben. Déliria bringt mich zum Lächeln? Doch ja, so war es. Tatsächlich kam ein Hauch von Melancholie hoch, eine Erinnerung an Unbeschwertheit, der Jahrmarkt bzw für die Wienerin der Prater. Autodrom, Zuckerwatte, Früchte in Schokolade, Liebesäpfel, Gummizeugs in Form von Tieren oder Früchten,… Die Automaten mit den Greifarmen, aus welchen es fast unmöglich war, tatsächlich Stofftiere zu fischen. Die Freude, wenn man es doch geschafft hatte. Autodrom, Achterbahnen...

 

Keine Ahnung warum, aber Déliria kann funktionieren, kann einem eine schöne Zeit bereiten. Aber eben nur dann, wenn man diesem Parfum die Chance dazu gibt, wenn man es zulässt und es zu nichts drängt, sondern nur nimmt, was einem geboten wird.

 

Skin on Skin

Dass die ersten 3 Düfte dieser Reihe anders und vor allem sehr nischig sind, mag den Zugang zu ihnen erschweren. Am Anfang sind sie merkwürdig, abstoßend, lassen einen fragend zurück. Doch sobald man nichts von ihnen fordert, sie einfach aufsprüht und ohne die Absicht, sie „testen“ zu wollen, auf sich wirken lässt, entfalten sie ihre Schönheit und zeigen, dass das Experiment nicht gescheitert ist.

 

Was ist Skin on Skin?

 

Skin on Skin ist eine frei erfundene Duftpyramide.

 

Skin on Skin sind verschiedene Duftstoffe, welche nicht erkannt werden wollen, anders als alles, was man kennt, sind und dennoch vertraut wirken.

 

Skin on Skin erinnert an Leder und an feine Blumen mit einem Hauch von Puder.

 

Skin on Skin ist unisex.

 

Skin on Skin ist mit nichts zu vergleichen.

 

Skin on Skin offenbart sich einem nur schrittweise, die Beziehung zum Träger muss wachsen.

 

Skin on Skin fordert nichts außer Zeit zum Näherkommen.

 

Skin on Skin ist innige Vertrautheit.

 

Skin on Skin ist die Situation, in welcher alle Worte überflüssig sind.

 

Skin on Skin bedeutet, die in „Chasing Cars“ gestellte Frage mit „Ja“ zu beantworten.

 

Skin on Skin bedeutet, zu zweit auf der Couch liegend eine Flasche Wein zu trinken und die Schwere, die leichte Trunkenheit zu genießen.

 

Skin on Skin ist eine Umarmung, die nicht enden will, da man es sich nicht vorstellen will, den anderen nicht mehr so nahe zu spüren.

 

Skin on Skin ist das Gefühl, müde nach Hause zu kommen, eigentlich nur noch unter die Dusche und danach ins Bett zu wollen, dann aber doch in den Armen des Liebsten zu landen und sich nicht mehr aus jenen zu lösen.

 

Skin on Skin ist die Situation, wenn man nebeneinander auf der Couch liegt, eigentlich schon viel zu müde ist und schlafen gehen möchte, dies aber nicht tut, weil man noch länger die Nähe des Geliebten bewusst genießen will, weil man auch nicht für einen Moment den Hautkontakt mit ihm aufgeben will.

 

Skin on Skin ist eine Sommernacht, in welcher die Haut nach Sonnencreme riecht, das Make-Up schon verwischt ist, man mitten im Nirgendwo neben dem Liebsten sitzt, einem aufgrund des lauen Lüftchens, das im starken Kontrast zum warmen Tag steht, schon etwas kalt ist, man sich noch näher an ihn kuschelt und zu zweit still die Sterne beobachtet.

 

Skin on Skin ist ein eng umschlungenes Aufwachen nach einem Abend, an dem frau nicht abgeschminkt zu Bett gegangen ist, ohne dass der Wunsch besteht, aufzustehen und das Farbenchaos im Gesicht zu entfernen.

 

Skin on Skin zeigt einem, dass man nichts erwarten darf, sondern nur bereit sein muss zu geben, denn alleine dann wird man Wundervolles erhalten.


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