LM Parfums

Wenngleich Laurent Mazzone eigentlich in der Modewelt tätig ist, so sieht er in Düften stets mehr als ein Accessoire. Vielmehr will er die Materialien und Farben in Parfums einfangen

 

Das Spiel mit Formen und Farben, mit Überraschendem und Bewährten und eine unbändige Kreativität ist es, die er durch die Zusammenarbeit mit einigen grossen Nasen nun auch in Parfumform umsetzen konnte.

 

Und über allem steht eine Faszination für die Nicht-Farbe Schwarz, deren verschiedene Facetten in Düften dargestellt werden und uns in unbekannte Tiefen führen.


Sensual & Decadent

Wenn ich einen Parfumkommentar verfasse, ist es selbstverständlich immer mein Ziel, eine halbwegs (oder ganzwegs) reflektierte Meinung zu einem Duft in passende Worte gepackt wiederzugeben. Aber ganz ehrlich – hier kann ich nicht viel mehr sagen als «Oh mein Gott, das riecht aber so was von geil!»

 

Dazu ist vor allem noch Folgendes auszuführen: Für mich gibt es nur wenige Dinge, die schlimmer sind, als die inflationäre Verwendung des Wortes «geil». Vielmehr provozieren Menschen, die dies tun, dass ich entweder fluchtartig aufbreche oder ich ihnen vorschlage, doch gemeinsam eine Sammlung

an Adjektiven anzulegen, die sie stattdessen verwenden könnten.

 

Und eben, weil ich eigentlich über eine ganz gute Auswahl an Wörtern verfüge, die ich gerne verwende, will ich mir Mühe geben und eine etwas differenziertere Annäherung an das Parfum wagen, am besten über den Namen.

 

«Sensual» - oh ja, sinnlich ist es. Vanille ist einfach ein perfektes Aphrodisiakum. Der Rhabarber aus der Kopfnote ist nur zu riechen, wenn man davon weiss. Ylang Ylang vielleicht, aber eher in Form von einer sinnlichen Ausstrahlung als von Blüten. Und dazu noch eine süssliche Note, ein wenig Karamell.

 

Der Witz an dem Parfum ist ja, dass es so einfach ist. Eigentlich ist es nur eine wunderschöne Vanille, perfekt untermalt mit Harzen, Karamell und gaaanz leicht rauchigen Aspekten. Aber eben dies ist so genial ausbalanciert, wie ich es noch nie zuvor gerochen habe. Eine Vanille, die man einfach unbedingt haben will. Bei der kein rationaler Gedanke mehr möglich ist. Somit passt auch der fehlende Duftverlauf perfekt – nichts lenkt ab, es ist einfach beständig pure Sinnlichkeit.

 

Liest man den Marketingtext, dann liest man von Aphrodite, die mitten im Wald im Bett auf ihren Liebhaber wartet – und somit ihren Mann, den Gott Hephaistos, betrügt. Ob es wirklich ein sinnliches Bett im Wald ist, weiss ich nicht. Aber die Szenerie, dass Aphrodite ihren Gatten betrügt, die ist passend. Denn es ist kein Parfum von grosser Liebe. Vielmehr riecht es in einem gewissen Sinne ein bisschen «billig», aber eben ganz bewusst – und aufgrund der hohen Qualität der Inhaltsstoffe wird dies relativiert. Aber man muss ehrlich sein, es hat mehr etwas von Edel-Escort als treue Gattin an sich.

 

Dekadent? Ja, in seinem Überfluss schon. Und in seiner Schönheit. Wohl auch in dem Bemühen, die Vanille, die schon ein natürliches Aphrodisiakum ist, als etwas von der Natur Kommendes und somit Unterlegenes anzusehen, das es durch den Einfluss des Menschen zu verbessern gilt. Es wird also durch Zugabe anderer Stoffe eine Art von idealisierter Vanille geschaffen, die deren Wirkung verstärkt.

 

Bei Dekadenz denke ich immer an «Gegen den Strich», DAS Werk der Dekadenzliteratur schlechthin. Ein französischer Adeliger und Ästhet, der sich in sein Landhaus zurückzieht und sein Leben dort in aller Einsamkeit nach seinen Vorstellungen dekadent gestaltet, worüber er jedoch Neurosen entwickelt

und immer mehr dahinsiecht. Schliesslich wird ihm zu einer Rückkehr in die Gesellschaft geraten. Es hätte auch einen anderen Weg gegeben – man hätte ihm nur eine Frau besprüht mit diesem Parfum vorstellen müssen. Der Rest hätte sich sogleich ergeben, inklusive Verschwinden aller Neurosen Da bin ich mir ganz sicher.