Phaedon

Phaidon kam als junger Mann nach Griechenland, wurde dort von Sokrates freigekauft und schloss sich eben diesem an. Er zählte zu seinen Schülern, führte mit ihm Gespräche bis kurz vor seinem Tod und gab dem berühmten sokratischen Dialog über die Unsterblichkeit der Seele, den Platon verfasste, seinen Namen.

 

Eben jener Phaidon ist Namenspate einer Duftkollektion, die ihre Inspiration aus einer Leidenschaft für griechische Geschichte schöpft. Die unberührte und teils noch mythische Natur, Eindrücke fremder Länder, Reisen, Heldentaten und viel mehr.

 

Pierre Guillaume hat gemeinsam mit anderen bekannten Parfumeuren mit Phaedon eine neue Duftkollektion erschaffen, die genauso wie Mythologie zu verzaubern und zu fesseln weiß. Einzigartig, faszinierend und von einer allgemein anerkannten Schönheit.

 


Antigua

Dachte ich früher an Ferien- und Südseeinselparfums, hatte ich meist Horrorvisionen von viel zu süßen Düften, Kokos im Übermaß, Zuckerwasser und undefinierbaren Fruchtcocktails.

Doch dank Phaedon konnte dieses Bild gut korrigiert werden – Pluie de Soleil ist ein sehr angenehmer Fruchtcocktail, der gute Laune verbreitet, nach Sonne und Freude duftet, ohne dabei jedoch ins Banale oder zu Süße abzugleiten, ohne zu künstlich oder klebrig zu wirken.

Antigua ist ähnlich – Antigua ist eine olfaktorische Urlaubsreise auf die gleichnamige Insel der kleinen Antillen.

Die Kopfnoten sind hell und strahlend: Zitrisches kitzelt leicht in der Nase, ist aber weder zu sauer noch zu süß. Dann geht es fruchtig weiter. Es ist glücklicherweise kein Fruchtcocktail mit Unmengen an Sahne, einer undefinierbaren, zergatschten Mischung an Obst, sondern ein sehr klarer und feiner Obstduft. Erfrischend, gerade richtig süß. Wie Obst nun einmal süß sein soll, wenn es reif ist, doch ohne Zuckerzusatz.


An mir ist vor allem Pfirsich dominant, doch ohne eine Dosenpfirsichnote zu bekommen. Die anderen Früchte sind erkennbar und, was mir gut gefällt, alles ist klar strukturiert. Nicht breimäßig, nicht undefinierbar, sondern wie verschiedene sehr reife Früchte, die aufgeschnitten feinsäuberlich nebeneinander liegen. Rosenblätter als Dekoration, nicht zu dominant, sondern einfach auch da und sehr klar.


Vanille und Moschus bilden eine angenehme Cremigkeit, dämpfen das Fruchtige ein klein wenig. Bemerkenswert ist der Einsatz von Patchouli und Vetiver. Sie bilden nicht, wie man meinen könnte, ein Gegengewicht zum Fruchtigen, sondern fügen sich schön ein. Ganz großes Kino, ganz großartiges Kunsthandwerk.

Haltbarkeit ist mittelmäßig, Sillage eher stark. Wer meine Kommentare kennt, weiß, dass ich sonst mit Geschlechterzuordnungen vorsichtig bin, aber für mich ist Antigua ein klar weiblicher Duft. Kann ich mir Pluie de Soleil, den Fruchtcocktail schlechthin, noch an einem Mann vorstellen, so kann ich dies bei Antigua nicht mehr. Zu sanft die Basis, zu lieblich, zu kuschelig – zu feminin. Ist Pluie de Soleil noch wie ein fruchtiger Cocktail, den zwar klischeemäßig eher Frauen trinken, aber einige Männer dennoch gerne mögen, so ist Antigua ganz eindeutig das Sommerkleidchen oder die Tunika für den Strand. Mag skurril klingen, da die Basis sich männlicher liest, als es bei Pluie de Soleil der Fall ist, doch auf meiner Haut entwickelt es sich deutlich weiblicher. Doch wie immer: Selbst testen macht schlau!

Auf der Homepage von Phaedon wird Antigua als fruchtiger Chypre beschrieben, an anderen Stellen liest man etwas von einem frischen Orientalen.


Ganz bildlich kann man es auch als Gemälde eines Urlaubs sehen: Sonne, Strand, Palmen, Freiheit... Möglicherweise ist es aber auch ganz einfach eine Ode auf ein von Givaudan entwickeltes Molekül – Paradisamide. Der Name ist eigentlich selbsterklärend, aber dennoch - die offizielle Beschreibung: „Paradisamide is a long lasting, fresh tropical fruit note of guava and passion fruit with nuances of grapefruit, rhubarb and cassis.”


Eben dies mit einer zitrischen Kopfnote, ein wenig Rose und einer klassischen Basis, die nicht gegen das Fruchtige arbeitet, sondern es verstärkt.

Pierre Guillaume (mittlerweile einer meiner Lieblinge) ist hier zweifelsohne wieder eine wundervolle Kreation gelungen. Kein Parfum, das einen so sehr beeindruckt, für das man alles liegen und stehen lässt bzw für das man alles verkaufen würde, doch eines, das man gerne trägt, das Sommerfeeling vermittelt und umso besser duftet, je höher die Temperaturen steigen. Und das noch zu einem mehr als moderaten Preis.

Sorglosigkeit. Eine ausgelassene, doch spontane Feier irgendwo im Süden, die die Kühle der Nacht ausnutzt. Schweißtropfen auf der Haut. Neckende bis leidenschaftliche Küsse. Herumalbern, sich mit Wasser bespritzen, den anderen in den Pool werfen, sich nur halbherzig dagegen wehren. Unbeschwertes südliches Flair. Antigua.

 

Hesperys

Wo genau die Hesperiden lebten, lässt sich nicht bestimmen. Je nach Autor und Zeit werden verschiedene Wohnorte angegeben, immer jeweils irgendwo am Rande der den Griechen bekannten Welt. Sicher ist nur, dass sie in einem wunderschönen Garten einen Wunderbaum mit goldenen Äpfeln hüten. Diesen Baum hat Gaia anlässlich der Hochzeit von Hera mit Zeus wachsen lassen. Die Äpfel verleihen den Göttern ewige Jugend. Damit auch ja niemand sie rauben kann, werden sie von Ladon, einem hundertköpfigen Drachen, bewacht. Nur einmal gelang es einem Helden, die Äpfel zu rauben. Mit einer List gelangte Herakles an diese, da er sie für die Erfüllung seiner zwölf Aufgaben benötigte. Bald darauf jedoch wurden sie wieder zurückgegeben und gelangten wieder dorthin, wo sie hingehörten. In jenen wundervollen, paradiesischen Garten.

Eben jener Garten, von dem wir nicht mehr wissen, als dass in ihm jener sagenhafte Baum stand und dass er wunderschön war, ist das Vorbild für jenes Parfum.

Es gibt an jenem Parfum nur wenige Dinge, die einfach festzustellen sind: Haltbarkeit ist gut, Sillage stark, eindeutig unisex. Eher für tagsüber und eher für die etwas wärmeren Tage.

Kein Parfum, das einen alles vergessen lässt, aber doch ein sehr außergewöhnlicher Duft.

Riecht man jedoch daran, ist man ratlos. Blickt man auf die Duftpyramide, ist man noch ratloser. Man liest, was man eigentlich riechen sollte, doch riecht doch nur etwas undefinierbar Gartenartiges. Bäume in mythologischer Frühzeit. Als noch die Fabelwesen diesen Planeten bevölkert haben. Ein Garten, in dem hinter jedem Baum ein Faun oder ein Silen lauern kann. In dem Nymphen tanzen.

Zu Beginn frischer und heller als später. Irgendwann ein klein wenig würzig mit Kräutern. Patchouli ist vorhanden, aber nicht wirklich dunkel. Könnte am Moschus liegen, dass man zwar ein wenig Erde erkennt, wie für einen Garten notwendig, aber keine Gothic-Assoziationen erhält. Und ja, auch Kräuter. Aber ob wirklich Lavendel oder Salbei, keine Ahnung. In einem Garten riecht man oft auch nicht die einzelnen Bestandteile, sondern gewinnt einen Gesamteindruck. In einem Zaubergarten ist das noch weniger der Fall.

Zwar nicht wabbrig und verschwommen, sondern schön klar und strukturiert, aber dennoch nicht zu entschlüsseln, aber dennoch undurchdringbar. Pflanzen, ein perfekter Garten. Egal, was man darunter versteht, man wird es in Hesperys finden. Ein undefinierter und auch undefinierbarer Garten. Magisches und Unbekanntes. Nicht bedrohlich, nur ein wenig fremd und mythisch. Ein leicht ehrfürchtiges Schauern. Bewunderung, aber kein Verstehen. Grün. Ein perfekt umgesetztes Konzept. Ein wahrer mythologischer Garten.

 

Pluie de Soleil

Fruchtige Düfte, dabei denkt man schnell an die alljährlichen Sommereditionen von Escada oder andere Kompositionen, die vor allem eines sind: süß, klebrig und synthetisch. Diese zählen ganz eindeutig nicht zu meiner bevorzugten Kategorie an Düften. Daher war ich gespannt, wie hier sommerliche Lebensfreude interpretiert wird – und wurde positiv überrascht.

Dieser Duft ist vor allem eines: Fruchtig! Mehr Frucht geht kaum – und das schon ab der ersten Sekunde. Zu Beginn dominieren klar die Zitrusfrüchte, welche jedoch nicht stechend, sondern wirklich erfrischend wirken.


Dann folgt ein mit Blüten dekorierter Obstkorb überreifer Früchte, die ein herrliches Aroma verströmen. Alles ist im Überfluss vorhanden und alles ist so reif, dass es möglicherweise am nächsten Tag schon verfault sein wird, aber in jenem Moment ist es perfekt.


Die Basis ist ein wenig holziger und Vanille kommt zum Vorschein. Alles ein klein wenig kuschelig, aber eben nur so, wie man es im Sommer ertragen kann.

Die Kunst dieses Dufts sehe ich darin, dass er es schafft, die mit Blumen garnierte riesige Menge an Früchten nie zu einer Überdosis Obst werden zu lassen. Stattdessen bleibt er immer schön frisch und erfreulicherweise wirkt er nie allzu künstlich, auch nicht in Bezug auf seine Süße.

Einmal aufgesprüht, können mehrere Szenarien auftreten.

Man findet sich möglicherweise mit Bikini (natürlich mit perfekter Figur) und etwas zu großen Sonnenbrillen an einem Pool wieder, hält einen nicht ganz alkoholfreien Fruchtcocktail in der einen Hand, strahlt durch die Gegend, genießt das Leben und lächelt vorbeigehende Herren an.

Oder man streift zu zweit über einen Jahrmarkt irgendwo im Süden, erwirbt die frisch aufgeschnittenen frischen Früchte, genießt diese gemeinsam und genießt dabei das Leben.

Diese Träumereien können nach Belieben fortgesetzt werden - jedem seine Fantasie, sein Kopfkino, je nach Lust und Laune.

Pluie de Soleil ist gute Laune und Unbeschwertheit. Darüber kann man vergessen, dass es kein differenziertes Meisterwerk ist. Daher bin ich von dieser Sommerfantasie begeistert und empfehle auch allen, die zu testen - auch all jenen, die sonst vor Fruchtkompositionen zurückschrecken, sich aber dennoch einen Gute-Laune-Duft wünschen.

 

Rouge Avignon

Avignon Rouge, beworben als "Gothic composition, as opulent and dark as the shadow of the Papal Palace".

Sowohl "Avignon" als auch die Assoziation mit der katholischen Kirche würden einen Weihrauchduft nahelegen. Doch hier wird etwas ganz anderes geboten, worin sich meiner Meinung nach das Können von Pierre Guillaume sowie sein Mut, Dinge anders als gewohnt anzugehen, zeigt.

Der Start ist dunkel. Rose sowie Ylang-Ylang dominieren bei mir und präsentieren sich als sehr üppig, schwer, voll, gewaltig.

Dann jedoch kommt dieser Moment, in welchem geschieht, was für mich die Magie das Parfums ausmacht. Rose, Himbeere, schwarzer Trüffel und Kakao verbinden sich auf eine beinahe magische Art. Sie riechen nicht, wie man sich vorstellt, dass ein Papst oder ein Kardinal riechen könnte, beschwören jedoch eben diese Stimmung herauf. Schwer, erhaben, getragen, majestätisch, dunkel, etwas gefährlich, beeindruckend, sinnlich, respekteinflößend, verlockend, wunderschön. Hierbei ist es sehr vielschichtig, sehr tief, jedoch nicht schwer und erdrückend.


Eben dieses Dufterlebnis ist es, was für mich 100% rechtfertigt. Hier wird nichts nachgebildet, hier wird etwas geschaffen. Etwas Neues und Wunderbares, was auf meinem Handgelenk wohl genau das tut, was Pierre Guillaumes Plan entspricht - die Atmosphäre des mittelalterlichen Avignons heraufzubeschwören.


Die Basis mit Amber, Moschus und Sandelholz ist schön, wenn auch nichts Neues.

Haltbarkeit empfinde ich als sehr gut, Sillage als stark, jedoch nicht als penetrant oder aufdringlich.

Avignon Rouge, der Duft des Avignonesischen Papsttums. des Papsttums, welches unter dem Einfluss der Machthaber Frankreichs stand:

In Avignon blüht die Vetternwirtschaft. Die Päpste sowie ihnen nahestehende Leute genießen das Leben in vollen Zügen, zelebrieren jeden Moment, genießen ihre Macht sowie die Tatsache, dass sie am Leben sind, und geben sich Ausschweifungen hin. Clemens VI. kauft sogar eben mal die gesamte Stadt.


Und gleichzeitig blüht Avignon und gedeiht. Der Frühhumanismus entwickelt sich und die Universität gilt als eine der besten in ganz Europa.

Auch Petrarca sitzt in Avignon und schaut dem Treiben skeptisch zu, verurteilt es. Er kann sich mit diesem zügellosen Tun nicht identifizieren, will es nicht. Er denkt an Laura, seine Geliebte. Träumt von ihr, schwärmt von ihr, verleiht ihr mit seinen Gedichten ewigen Ruhm. Sie ist es, neben seinem Vergil, die sein Leben bestimmt. Jedoch ist sie beinahe nur ein Schatten, kaum Realität. Er kann sie nicht fassen, kann nur von ihr schwärmen, sie bewundern, diese Gefühle genießen, doch nicht sie.

Und manchmal, auch wenn er sich dies nie zugestehen würde, blickt er nicht voll Missgunst, sondern mit etwas Neid und Sehnsucht auf das Treiben am päpstlichen Hof. Alles wirkt dort so ausgelassen, so fröhlich, so real. Alles dort ist das, was er nicht hat, ist das Gegenteil dazu.


So sehr er auch seine Sehnsucht genießt, seine unerfüllbare Liebe zu Laura, die stärker als der Tod sein wird, so sehr fühlt er auch manchmal den Wunsch, dass dieser auch etwas anhaftet, das nicht nur sphärisch, idealistisch und schwebend ist - eben, um auch zu leben, nicht nur zu träumen. Die Angst, das Leben zu verschlafen. Der Wunsch, einmal etwas Idealisiertes in die Realität zu holen und zu erkennen, dass es immer noch wunderschön ist.

All dies, was Petrarca sich manchmal wünscht, bietet Rouge Avignon. Das pure Leben, die pure Vergänglichkeit. Es ist ein wenig bedrohlich, kündigt von etwas Gewaltigem, ist der verführerische Schatten von etwas, das man nur erahnen kann, zieht einen in den Bann, schreit laut "Memento mori!", doch auf eine Weise, dass du keine Angst hast, sondern auf diese Aufforderung hin vergnügt bist, den Moment genießt, egal wie er auch ist. Dabei träumst du nicht, du bist wach, fühlst das Leben und lässt es nicht an dir vorbeiziehen. Und eben dies sorgt trotz all der Erinnerung an die Sterblichkeit und Endlichkeit für ein wundervolles Gefühl.


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