Roja Parfums

Roja Dove gründete, nachdem er 20 Jahre lang für Guerlain gearbeitet hatte, sein eigenes Label, Roja Parfums. Dieses hatte das Ziel, maßgeschneiderte Düfte für eine exklusive Kundschaft zu kreieren. Etwa 30 000 US-Dollar wurde pro Parfum gezahlt. Wer zu seinen Kunden zählt, wird nicht preisgegeben, doch es sollen sich zahlreiche Sänger, Designer und auch Mitglieder des englischen Königshauses unter ihnen befinden.

Im Jahr 2007 brachte er dann die ersten Düfte seiner „Ready to wear“-Kollektion auf den Markt. Nicht maßgeschneidert, aber dennoch von höchster Qualität und Exklusivität, da für sie etwa dieselben Inhaltsstoffe wie für die bespoke-Kollektion verwendet werden.


Laut Roja Dove beginnen seine Parfums immer mit dem Namen, welcher Leidenschaft signalisieren soll. Jeder Duft hat seine Geschichte und möchte bestimmte Emotionen sowie Stimmungen vermitteln. Dies mag auch mit Rojas frühesten olfaktorischen Kindheitserinnerungen zu tun haben: seine Mutter im Cocktailkleid, die in sein Zimmer huschte und ihm einen Gute-Nacht-Kuss gab – und der Duft, der in der Luft zurückblieb, als sie schon wieder das Zimmer verlassen hatte.

Im Londoner Nobelkaufhaus „Harrods“ betreibt er im 5. Stock eine eigene Luxusparfümerie, in welcher neben seinen eigenen Düften auch Parfums von Tom Ford, Clive Christian etc. angeboten werden.

 


Enslaved

(Copyright Roja Parfums)
(Copyright Roja Parfums)

Diesen Kommentar möchte ich mit ein wenig Parfumgeschichte beginnen:

Roja Dove, welcher immerhin gut 20 Jahre für Guerlain arbeitete, brachte im Jahr 2007 "The Trilogy" heraus - "Enslaved", "Unspoken" und "Scandal", ein Orientale, ein Chypre und ein floraler Duft, jeweils für Damen und für Herren. Diese 6 Kreationen hatten zur Folge, dass die einen sich fragten, ob Guerlain nicht einen riesigen Fehler gemacht hatte, ihn ziehen zu lassen, dass andere jedoch die Nase rümpften und sich "Kennen wir schon - schön, aber doch nur überteuerte Kopien" dachten.
 
Zum Duft an sich:

“With Enslaved I loved the idea of falling in love so deeply and passionately there was no escape. In an old family dictionary, one definition of Ensalved was described as, to become a prisoner of love. I wanted to create a scent that enslaved both its wearer and those who smelt it on them: a scent with no escape where you become the wearers prisoner of love” - Roja Dove

Zu schön, um wahr zu sein? Nur Marketing?

Nun, ich kenne „nur“ das EdP, nicht das Parfum an sich. Doch wenn jenes noch stärker und eindrucksvoller ist, dann bin ich überaus froh, es nicht zu kennen. Ich könnte mich sonst keine Sekunde auf etwas anderes konzentrieren, sondern würde wohl von ihm fortgerissen werden. Das EdP ermöglicht es mir – zwischen Phasen des Träumens – auch ein wenig mein Umfeld wahrzunehmen, wenngleich selig lächelnd, und mich, was für das Verfassen eines Kommentars durchaus hilfreich ist, auch auf den Duft an zu konzentrieren.

Ein klassisch-zitrischer Auftakt, der schon nach ganz wenigen Sekunden sehr weich, warm und lieblich wird, ich denke, dass es an der Nelke liegt, vielleicht noch mit einer Ahnung von der Basis, die die zitrischen Noten gut zügeln. Noch mehr Blumen folgen, wobei Jasmin mir zeitweise sehr prominent erscheint, jedoch in einer schönen Art, nicht zu grün und auch nicht zu fordernd, schon gar nicht bissig. Auch die Blüten erscheinen als warm, ein Hauch von Süße, der jedoch gar nicht an Zucker erinnert, ist auch dabei. Opulent, prächtig, nicht erschlagend, ausgewogen, zeitweise nicht aufzulösen, dann wiederum ist eine der Blumen kurzzeitig die Hauptakteurin. Darf zeigen, wie schön sie ist, um sich dann wieder zurückzuziehen und nur noch im Hintergrund zu erahnen zu sein.


Labdanum, Eichenholz, Moschus und Ambra sind für mich zu Beginn der Basis am stärksten zu vernehmen. Auch sind sie es, die immer wieder durchscheinen, schon hinter den Blumen zu riechen sind, wohl auch für den Hauch von Süße verantwortlich sind – sowie die typische Eichenmoos-Note. Gegen Ende kommen ein wenig trockene Vanille, ein Hauch von Holz dazu. Es ist weich, zähflüssig, ruhig und ausgewogen. Fast ein Chypre, aber dann doch nicht. Ein echter Orientale, einer der schönsten, die ich kenne – vielleicht sogar der schönste.

Sillage ist gut, Haltbarkeit wunderbar, Flakon schlicht und elegant, auf das Wesentliche reduziert.

Ich empfinde ihn nicht als allzu wuchtig. Durchaus orientalisch, keine „leichte Kost“, aber nicht wuchtig. Er hat etwas von einem Harem an sich. Jedoch kein schwülstig-schwüler mit Dampfschwaden in der Luft und viel nacktem Fleisch von Frauen, die überbordend präsentieren, was sie haben. Vielmehr ein Garten, in welchem noch eher junge, zarte Frauen spazieren, welche in feinste, dünne Gewänder gehüllt sind. Sehr verführerisch, sehr attraktiv, aber eben aufgrund einer leichten Zurückhaltung, aufgrund eines Verhüllens. In der Malerei „zieht“ man Frauen gerne ein klein wenig an, etwa irgendetwas beinahe Durchsichtiges, um ihre Nacktheit interessanter zu gestalten. Ganz nackte Körper werden nicht so als nackt und erotisch wahrgenommen, wie ein leicht verhüllter.
Eben dies auch hier: Ein Hauch von Zurückhaltung, von Verhüllung, der alles noch interessanter macht.

Eine Kopie?

Liest man andere Bewertungen zu Enslaved, so werden "Habanita", "Shalimar", "L'Heure Bleue", "L'Origan",... als ähnliche Parfums genannt, welche beinahe ident riechen, doch zugleich viel günstiger zu erwerben sind. Ebenso wird "Enslaved" eine fehlende Eigenständigkeit vorgeworfen, da es an „alte Klassiker“ erinnert. Zweifelsohne orientiert sich „Enslaved“ an ihnen, doch eine Orientierung bedeutet keine Kopie. Und nein, modern ist „Enslaved“ auch nicht, man bekommt nichts Bahnbrechendes oder Neues präsentiert, aber für mich geht es über seine Vorbilder hinaus, indem es sie vereint, an Schönheit übertrifft und somit etwas Neues schafft, wenngleich auf der Basis von jenen „alten Klassikern“.

Enslaved ist für mein Empfinden nicht für Anlässe geeignet, bei denen man nicht eben mal kurz ins Träumen geraten darf. Geeignet für einen schönen Abend – ob man ihn nun mit einer anderen Person verbringen will oder ihn sich ganz alleine gönnt. Ein orientalischer Traum und, so meine Hoffnung, eines der Parfums, die noch viele Jahre am Markt bleiben und eines Tages als „Klassiker“ gelten werden. Es wäre mehr als nur verdient.

 

Mischief

Mischief, wieder ein Meisterwerk von Roja Dove, doch eines, das ein wenig aus der Reihe tanzt.

Schon einmal auf ganz simple Fakten beschränkt, fällt etwas auf: Roja Dove hat in seiner Damenlinie 3 orientalische Parfums, 3 Chypre und 4 florale Düfte, wovon Mischief Nr. 4 ist. Informiert man sich ein wenig im Internet, so bekommt man vom Meister selbst die Erklärung geboten, dass er neben den 3 klassisch-opulenten floralen Düften auch noch einen anderen schaffen wollte, der leichter und frischer ist - eben Mischief.

Und ja, Mischief tanzt auch olfaktorisch aus der Reihe. Wir bekommen hier, wie die Duftpyramide verrät, zitrische Noten, grüne Noten und Blumen geboten. Dazu gibt es auch eine schön warme sowie klassische Basis.

Bezüglich der Frische, die dem Duft eigen ist, war ich anfangs verwirrt. Es ist nicht die typisch zitrische Note, die man von so vielen anderen Parfums kennt, auch nicht das berühmte Grün von Galbanum und Veilchenblättern, das den Blüten die Schwere nimmt – es ist etwas anderes. Netterweise fand sich nach kurzer Suche im Internet die Erklärung dafür, wieder vom Parfumeur persönlich. Da ich es selbst nicht besser ausdrücken kann, lasse ich ihn selbst mittels Zitat zu Wort kommen:

I didn’t want it to be that typical green, not a citrus perfume. Quite unusually, I put the freshness in every area of the structure and I also used a natural isolate, which comes from jasmine, called dihydrojasmonate, very citrusy smelling that lasts and lasts. In general a freshness diasappears very easily, with Mischief it stays on.

Diese Frische halt natürlich nicht ewig, doch sehr, sehr lange. Unbeschwerte Blumen, noch nicht ganz aufgeblüht, Frühlingsstimmung, Fröhlichkeit, Unbeschwertheit.


Erst nach vielen Stunden wird der Blumenstrauß süßer und vor allem wärmer. Die Wärme wird zweifelsohne von der Basis verursacht. Ein Hauch von Vanille, Moschus und Amber. Alles noch so, dass es hell und klar bleibt, doch ein wenig anschmiegsamer wird. Bemerkenswert ist auch die versteckte animalische Seite. Es hat einen ganz dezent animalisch-schmutzigen Ton, der jedoch nie wirklich eindeutig zum Vorschein kommt, doch immer unter der Oberfläche lauert.

Haltbarkeit ist großartig, Sillage gut. Für mich erneut ein großes Meisterwerk und einfach wundervoll.

Für dieses Parfum gibt Roja Dove auch ein grundlegendes Szenario und ein Motto an.

Das Szenario:

I wanted to create a scent that reminded me of the flowers of spring: the flowers of my childhood, when nothing was too serious and everything was like a game that had no end

Das Motto:

Be Playful – Be Naughty

Eben die Blumen, die kindliche Unbeschwertheit, aber auch sämtliche Facetten des Spiels werden in diesem Duft eingefangen. Alles ist leicht, frei, schwebend, einfach nur ein Spiel, nichts ist ernst. Doch gleichzeitig ist diese unbeschwerte Zeit auf der Blumenwiese auch nur ein Spiel, eine Täuschung. Dahinter lauert etwas anderes, etwas Dunkles, Düsteres, Verlockendes, Animalisches. Es zeigt sich nie deutlich, schimmert aber immer klar durch.

Wer ein Parfum sucht, das „anders“ ist, ist mit Mischief gut beraten. Auch Personen, die sonst keine klassischen Anhänger von floralen Düften sind, ist es sehr zu empfehlen. Für mich eine große Liebe, da ich dieses doppelschichtige Spiel, die Täuschung und die Leichtigkeit mehr als gelungen empfinde und mich damit sehr wohl fühle.


Kommentare: 1
  • #1

    A. (Sonntag, 24 April 2016 22:02)

    Ein Kommentar zu Enigma pour Homme aus Deiner formvollendeten Feder und Eloquenz würde diese prächtige Reihe aufs Trefflichste ergänzen.