Serge Lutens

Serge Lutens wurde 1942 im französischen Lille geboren. Auf seinem Schulweg, der durch ein von vielen Algeriern bewohntes Gebiet führte, begleiteten ihn die Aromen des Nahen Ostens, die ihn noch heute faszinieren.

 

Während seiner Ausbildung zum Coiffeur entdeckte er seine Leidenschaft für Make-up und Fotografie. Er arbeitete für die Vogue, dann für Häuser wie Dior und entwarf auch Make-up-Linien. Ebenso entwickelte er das Produktdesign für Shiseido und ebenfalls sein erstes Parfum "Nombre Noir". 

 

Im Jahr 2000 gründete er schließlich seine eigene Parfummarke, in welcher mittlerweile mehr als 50 Düfte erschienen sind.

 

Momentan lebt Serge Lutens in Marrakesch und geht seiner Leidenschaft nach: Parfums, die die Aromen des Nahen Ostens spiegeln. 

 


Fille en Aiguilles

Das Nadelmädchen. Eines der Parfums aus der Serge Lutens-Reihe mit den schwarzen Etiketten und vor allem eines, wie man es von Serge Lutens erwarten würde. Eigen, doch auch sanft, ein wenig sperrig, doch wunderschön. Für manche Personen sehr zugänglich, doch sicher nicht für jedermann passend.

Zum Duft an sich: Der Beginn ist kurzzeitig von Trockenfrüchten, likörartiger Süße und harzigen Noten geprägt. Danach geht es rauchig weiter und Piniennadeln dominieren. Wenn man weiß, dass Lorbeer enthalten ist, kann man ihn riechen. Sonst geht er in dem würzigen Akkord, der Weihrauch und Piniennadeln umgibt, unter. Die Süße versteckt sich in der Tiefe, verschwindet aber nie ganz. Und eben diese Konstellation umhüllt den Träger die gesamte Zeit mit nur kleinen Schwankungen, die den Gesamteindruck nicht ändern, doch den Duft nicht langweilig werden lassen.

Weihrauch wird meiner Ansicht nach am stärksten vom Umfeld wahrgenommen. Jedenfalls ist bei mir Fille en aiguilles der Duft, bei welchem ich schon öfters auf den Weihrauch angesprochen wurde, und bei dem ich, wenn ihn anderen tragen, zuerst immer den Weihrauch wahrnehme, bis sich andere Noten zeigen.

Für mich hat der Weihrauch in diesem Fall keine kirchlich-sakrale Aura, da diese durch den dunklen Geruch der Piniennadeln relativiert wird, wohl aber eine meditativ-sakrale.

Die Sillage ist eher stark, die Haltbarkeit wunderbar, Flakon wie gewohnt. Eindeutig unisex.

Ich weiß, dieser Duft wird mit Wald, Piniennadeln und sonstigem beworben. Aber für mich ist er einfach nur eines - Schwarz. Es ist noch nicht zu dem Schwarz geworden, das elegant wirken soll und immer passt. Auch nicht zu dem Schwarz, das mit Trauer konnotiert ist und das man nur ungern um sich hat, da es immer den Tod verkündet. Fille en aiguilles ist für mich die Essenz der Farbe Schwarz, nicht wertend, nicht konnotiert. Dunkel, eigentlich eine Nicht-Farbe, das Licht absorbierend. Ganz wertfrei, ganz unbesetzt. Man hat nur Schwarz vor sich und entscheidet für sich, ob man es mag oder nicht. Ob man sich darin wohl fühlt oder es Unbehagen hervorruft.
Meiner Meinung nach passt dieser Duft daher auch hervorragend für Tage, an welchen man schwarze Kleidung tragen will. Keine besonders elegante, keine Trauerkleidung, einfach nur ganz schwarze Kleidung. Nicht, weil man das Gefühl hat, dass man dies muss, sondern weil man sich darin wohl fühlt. Weil man mit dieser Kleidung an jedem Tag man selbst ist.

Um den Wald doch noch ins Spiel zu bringen - ein zweites Bild: Man steht mitten im Wald, abseits von jedem Weg. Es ist still, durch die Blätter dringt kaum Licht, die Bäume um einen sind hoch, ab und zu hört man etwas rascheln, doch sonst herrscht Ruhe. Es ist eine Situation, in welcher man sich entscheiden muss. Hat man Angst davor und überlegt sich, was alles passieren könnte, welche Gefahren wo lauern könnten. Oder nimmt man die Situation, wie sie ist. Nimmt die Stimmung in sich auf, ohne sie zu bewerten, ohne allzu viel über sie nachzudenken. Fühlt sich mit dieser Szenerie verbunden und geht in ihr auf.

Fazit: Eine wundervolle Begleiterin für verschiedene Situationen, die einen umhüllt, beschützt und mit der man verschmelzen kann. Ganz großes Meisterwerk und ganz großes Kino!

 

Gris Clair

Wenn das Kartenhaus namens Glück, welches ich mir sorgfältigst aufgebaut habe, durch einen einzigen falschen Gedanken zusammenfällt, dann erkenne ich, dass Kälte selbst am wärmsten Sommertag über einen herfallen kann.

 

Wenn ich plötzlich nicht mehr meine Gelassenheit wahren kann, wenn alle Masken fallen, dann merke ich, dass ich zwar für Dich da sein will, dass ich jedoch ganz egoistisch noch viel mehr mir wünsche, dass Du für mich da bist. In jenen Momenten möchte ich Dir laut zurufen, dass Du Dich von mir fernhalten solltest, dass tief in mir Dinge sind, die Du nicht beherrschen kannst, weil nicht einmal mir dies gelingt. Doch all diese Warnungen kommen nicht aus meinem Mund, weil ich Dir nur schweigend in die Arme falle, Dich so fest halte, als nähme ich an, Du verließest mich jeden Moment und ich müsste dich aufhalten.

 

Wenn Du in solchen Situationen da bist, dann brauche ich Dich an meiner Seite, um einschlafen zu können. Brauche es, mich mitten in der Nacht vergewissern zu können, dass Du noch neben mir liegst, muss mich an Dich klammern.

 

Wenn Du nicht da bist, dann greife ich zu Gris Clair. Nichts riecht so sehr nach Dir und nichts beruhigt mich ähnlich. Denn dies ist Dein liebster Duft zum Schlafen. Jeder weiß, dass Lavendel beruhigt und einen gut schlafen lässt. Doch Gris Clair ist viel mehr als ein Lavendelduft. Es ist ein feines Duftgewebe, welches auf Lavendel basiert und einen einhüllt. Eine strahlende Iris zeigt, was der Duft ist: der Silberstreifen am Horizont. Den es immer gibt, wenn man ihn nur sehen will. Schillernd, ein Lichtbringer.

 

Dann noch süßliche Noten, Amber und Tonkabohne. Sie vermitteln Geborgenheit. Erinnern einen daran, dass in der kühlen Jahreszeit, wenn es draußen schon früh dunkel wird, doch auch eine warme Stube auf einen wartet. Dass man in jener Kälte und Dunkelheit nicht einsam durch die Gassen irren muss, sondern sich auch zu zweit an der Wärme im Inneren und an Süßem erfreuen kann.

 

Der Duft ist wirklich hellgrau.

 

Hellgrau wie Weihrauchschwaden. So durchlässig, so fein, so unmöglich zu fassen, aber gleichzeitig doch so vertraut, so heimelig. Wie wenn man in einer fremden Stadt eine Kirche betritt und kurzzeitig vergisst, dass man dort eigentlich fremd ist, weil sich die gesamte Szenerie dort durch nichts von der eigenen Heimat unterscheidet.

 

Hellgrau wie die Kleidung der Elben in Herr der Ringe. Nicht grau, weil sie ungewaschen oder schmutzig ist, schon gar nicht, weil die Gestalten düster wirken sollen. Nein, sie sind grau, damit sie mit ihren Trägern nicht um die Wette strahlen. Damit ihre Träger sie überstrahlen können.

 

Und so strahlt auch Gris Clair, zeigt mir die Silberstreifen am Horizont und erinnert mich daran, dass ich von innen strahlen muss, auch wenn dort einige Dinge lauern, die düster sind. Mit Licht kann man nämlich alles besiegen.

 

Louve

Rotkäppchen und die böse Wölfin

 

War einst ein Fräulein fein und gut,
das immer trug nen roten Hut.
Durch diesen war es wohlbekannt -
Rotkäppchen wurde es genannt.

Das Fräulein wollt zur Oma gehn,
hatte sie lang schon nicht gesehn,
packte Wein ein und auch Kuchen,
sprach „Auf geht’s – Oma besuchen“

Der Weg, der führte durch den Wald,
war finster dort und auch sehr kalt.
Auf eine Wölfin traf die dort,
die näher kam mit diesen Wort:

„Mein Kind, du siehst so traurig aus,
was ist denn los? Geh doch mal raus!
Ich will dir dann zur Seite stehn
und mit dir alle Wege gehn.“

„Ich weiß, du hast schöne Sachen,
die auch können Freude machen.
Gar süße Mandeln hast am Start,
doch süß ist meiner Nase hart.

Ich mag ja Leder, Oud und so,
mit dir, da werd ich nimmer froh.
Riechst wie ein Mädchen, jung und fein,
und darauf lass ich mich nicht ein.“

Und darauf sprach die gute Frau:
„Mein Kind, komm, riech noch mal genau!
Denn süß täusch ich nur vor zu sein
und darauf fallen viele rein.

Du weißt genau dank Sigmund Freud,
den ja kennen die meisten Leut,
dass Wölfe stehn für deine Lust.
Und weil du dieses hast gewusst,

warst du von Mandeln überrascht.
Und ohne einen Blick erhascht,
was wirklich in mir drinnen ist,
warst fort, nicht sehend meine List.

Denn hinter Mandeln sind versteckt,
Rosen, düster und - was erschreckt -
Amber, Moschus, Melancholie.
Na komm, riech nur, sonst glaubst mir nie!“

Das Fräulein tat wie ihr gesagt
und daher hat sie es gewagt,
mal mit der Wölfin auszugehn,
um sie sich genau anzusehn.

Danach das Fräulein war entzückt,
die Wölfin froh, der Plan geglückt.
Und dann sprach noch das wilde Tier,
als es spürte Rotkäppchens Gier:

"Ich seh, du bist ganz übermannt,
nun hast du endlich mich erkannt.
Glaubst mir nun, dass dein Es ich bin
und wild verdreh der Männer Sinn?“

„Ja, auch bist du mein Über-Ich
und sehnen nach dir tu ich mich!“
„Ich weiß, dass du dich sehnst nach mir,
ich weiß, du willst ein wildes Tier!

Denn mir kann niemand widerstehn,
bin bitter-süß – du wirst schon sehn.
Kannst ruhig ein wenig lieblich tun,
um nachts dann mit nem Mann zu ruhn.“

„Ich spür ne Flamme mich verzehrn,
vergeblich such ich mich zu wehrn.
Oh, Wölfin, ja, komm geh mit mir!
Nun seh ich’s auch, du bist ein Tier!“

Die Oma war vergessen schnell,
war doch die Wölfin nun zur Stell.
Denn spannender war doch die Lust,
wenngleich es Oma war zum Frust.

Das Mädchen war auch nicht verzagt,
zu zweit genossen sie die Jagd
und sie erlegten viele Leut
und eben dies tun sie noch heut.

 

Vitriol d'Oeillet

Das Vitriol der Nelke.


Serge Lutens versteht es wirklich immer wieder, mit seinen Namen Neugier zu erzeugen und gleichzeitig eine Ratlosigkeit aufkommen zu lassen, was man denn von dem Duft erwarten mag.


Aufgesprüht rieche ich nur zu Beginn wenige Sekunden eine stark pfeffrige, würzige Note, dann übernimmt die Nelke schon den Duft. Der Pfeffer ist im Hintergrund noch zu riechen, tritt jedoch bald ganz ab. Die Nelke ist sehr wandlungsfähig. Teils ist sie überaus lieblich und liebäugelt mit dem Gedanken, eine Rose nachzubilden. Dann ist sie dunkelrot, ein wenig schwer und hat verschwommen-weiche Konturen. Dann wieder ist sie metallisch. Die Ecken in ihren Blättern wurden mit Rasierklingen geschnitten. Ihr wachsen Stacheln und sie geht in Abwehrhaltung.

Die Gewürznelke wird in diesem Duft nicht dazu eingesetzt, um der Nelke Beistand zu leisten. Nein, sie durchbohrt brutal die Blütenblätter und nagelt sie an die Wand.

Gegen Ende wird es ein wenig versöhnlicher. Ein schöner, beinahe lieblicher Ausklang, in welchem die Nelke sich ein wenig müde, aber doch schön orientalisch präsentiert.

Ist das, was ich rieche, wirklich das Vitriol der Nelke?

Um diese Frage beantworten zu können, musste ich mich erst ein wenig über Vitriol informieren - mit folgendem Ergebnis:

Vitriol ist ein metallisches Salz , welches durch Verbindung von Metallen mit Schwefelsäure gebildet wird.

Der Name leitet sich vom lateinischen Adjektiv vitriolus ab, welches "gar fein gläsern" bedeutet. Dies lässt sich dadurch erklären, dass die Kristalle grünem Glas ähneln.

"Vitriolöl" ist uns heute als Schwefelsäure bekannt.

Gleichzeitig ergibt das Akrostichon eines beliebten Mottos der Alchemisten "Vitriol":

Visita interiora terrae, rectificando invenies occultum lapidem - die Suche nach dem Stein der Weisen!

Was hat dies alles mit dem Duft zu tun? Sehr viel. Metallische Nelken, ein wenig Gift, viel Verbotenes, viel Verborgenes, noch mehr Rätsel.

Ich kann nicht anders, als ständig an die Epoche der Romantik denken zu müssen. Eine gewisse Verklärung des Mittelalters. Alchemie wird wieder von Interesse. Der Geist ist gehetzt: Was ist wahr und was nur Schein? Die Nelke kann ich nicht fassen. Kaum denke ich, ich hätte sie, ist sie eine ganz andere. Wie durch einen grauen Schleier kann ich sie wahrnehmen, jedoch nie klar sehen. Einmal ist es die Nelke im Knopfloch eines Gentleman, einmal das Erkennungszeichen der Revolutionäre, dann wieder das Symbol für unerfüllte Liebe.

Mal denke ich, der Duft würde einer trauernden Witwe stehen, mal scheint mir eine Femme fatale die ideale Trägerin dafür zu sein.

Zwar ist es für mich eine Herausforderung, einen Tag mit dieser Nelke zu verbringen, doch gleichzeitig ein unglaublicher Genuss. Und ich werde dieses Pröbchen, ganz egoistisch, nicht weitergeben, sondern bis zum letzten Tröpfchen auskosten.

Wenn man nicht weiß, ob man diesen Duft testen soll, möge man sich doch hinsetzen und William Blake, Novalis oder E.T.A. Hoffmann lesen. Fühlt man sich von diesem angesprochen und möchte genau danach riechen, dann findet man in dieser Nelke möglicherweise seinen "Stein der Weisen".


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