Tauer Perfumes


Als Andy Tauer, ein gelernter Chemiker, im Jahr 2004 von einem befreundeten Buchhändler gebeten wurde, für sein Geschäft ein exklusives Parfum zu werfen, konnte niemand ahnen, welchen Erfolg der Hobbyparfumeur mit seinen Kreationen haben würde.

 

Wenngleich Parfums schon immer sein Hobby waren, so ist er doch in diesem Bereich Autodidakt und No. 01 – Le Maroc pour Elle, jenes für den Buchhändler entworfene Parfum, stellte seinen ersten kommerziellen Erfolg dar.

 

Im Jahr 2006 erfolgte dann der große Durchbruch, als der bekannte Parfum-Kritiker Luca Turin No. 02 – L’Air du Désert Marocain euphorisch lobte und es mit der Höchstnote versah. Eben dadurch wurde es schlagartig berühmt und das Interesse an seinen Kreationen war geweckt.

 

No. 02 – L’Air du Désert Marocain ist übrigens auch das Parfum, welches Luca Turin bei seiner Hochzeit mit Tanja Sanchez trug. Wenngleich viele andere Kreationen von Andy Tauer ebenfalls sehr gelungen sind, so stellt dieses immer noch den Mittelpunkt und das Hightlight seiner Kollektion dar.

 


No. 02 – L’Air du Désert Marocain

(Copyright A. Tauer)
(Copyright A. Tauer)

Ein Parfum, welches der Parfum-Papst, der sich wohl selbst gerne als Parfum-Gott sieht, zur Hochzeit mit einer anderen Parfum-Journalistin trägt.

 

Ein Parfum, welches von eben jenem die höchstmögliche Bewertung erhält und sehr gelobt wird.

 

Ein Parfum, welches man ohne jenen Parfumpapst wohl kaum kennen würde, da eben jener seine Bekanntheit mit einer einzigen Rezension begründet hat.

 

Ein Parfum, welches mehr als nur ein Strohfeuer und kurzzeitige Bekanntschaft auslösen konnte, sondern heute noch als nischige Komposition eines Autodidakten überaus begehrt ist.

 

Um es kurz zu machen: Es ist nicht das Parfum, welches ich zu meiner Hochzeit tragen würde. Auch nicht unbedingt das, welches ich liebend gerne an meinem Partner bei unserer Hochzeit riechen würde – doch nur, weil es noch keine gemeinsamen großen Erinnerungen gibt, die wir damit verbinden. Es ist jedoch ein Parfum, welches ich immer wieder gerne rieche und gerne selbst trage.

 

Unverkennbar ist auch in diesem die Tauer-typische Note. Melancholisch-rauchig, doch gleichzeitig so wunderschön und beruhigend, beinahe tröstlich.

 

Ein ganz klassischer Fall von nicht-zerlegbarem Parfum. Man kann hier noch so viele Duftnoten nennen, doch nie den Eindruck erhalten, den dieses Parfum hervorruft. Diese leichte Bitterkeit, die über so sanften Noten schwebt. Dieser balsamische Eindruck, der jedoch auch irgendwie an Sand erinnert. Das Bild der Weite, das durch das Parfum entsteht. Dass Vetiver nicht so verarbeitet wurde, wie es in klassischen Parfums der Fall ist, sondern auf eine sehr fragile-rauchige Art. Dass Zedernholz nicht wirklich männlich wirkt, dass der Jasmin zerbrechlich wirkt. Dass es ein Parfum ist, das einen über viele, viele Stunden begleitet, einen beschützt, einhüllt, fasziniert. Dass so trocken riecht, dass man sich in er Wüste wähnt, aber nie kratzt.

 

Auch ist es für mich nachvollziehbar, dass eben jenes Parfum als Hochzeitsduft gewählt wurde.

 

Denkt man eine Wüste, so gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man denkt an die Leere, die Weite, den Sand, die Hitze. Denkt daran, dass man verloren ist, dass man einsam ist, dass es keinen Ausweg gibt, dass alles gleich aussieht. Denkt daran, dass alles zu Ende geht, fühlt sich verlassen und mutlos.

 

Oder man denkt daran, wie unglaublich schön all das ist. Hier, wo Leben und Tod so eng nebeneinander liegen, wo sich so viele Gegensätze treffen, hier kann man sich nicht nur hoffnungslos, sondern auch geborgen fühlen. Kann sich eins mit der Umgebung fühlen. Kann sich sicher fühlen und eine ganz merkwürdige Art von Glück fühlen. Dieses Glück, das besagt, dass es auch schwere Zeiten gibt, aber diese nicht Unglück bedeuten.

 

Ein Parfum, das die Hoffnung hervorruft, mit ihm bald eine schöne Erinnerung verbinden zu können, da es eben dies wert ist.

 

No. 03 - Lonestar Memories

(Copyright A. Tauer)
(Copyright A. Tauer)

Es muss nicht immer Russland sein. Dies dürfte sich wohl Herr Tauer gedacht haben, als er diesen Lederduft schuf. Doch diesmal ohne Husaren, sondern stattdessen mit Cowboys. Und einer ganz deutlich zu erkennenden Tauer-Handschrift.

 

Ein Lederduft der alten Schule, doch irgendetwas irritiert. Ich sprühe ihn auf und finde mich zwar im wilden Westen, aber nicht am Lagerfeuer mit Cowboys und Pferden. Es wird nicht gegrillt und die Sättel der Pferde sowie deren Fell verströmt keine typischen Aromen. Das Parfum wurde nicht nur von Russland nach Amerika, sondern von der Vergangenheit in die Gegenwart oder gar Zukunft versetzt. Schon längst haben Maschinen die Pferde abgelöst und der Geruch von Motoröl liegt in der Luft. Die Maschine ist noch heiß. Eine glänzende, schwarze, Nappaleder-Jacke. Kein Lagerfeuer, nur ein wenig Staub liegt in der Luft. Das rauchige Aroma wird eher von der Kleidung verströmt, die am Weg so viele Gerüche aufgenommen hat.

 

In eben dieser Umgebung legt man die Lederjacke zusammen, nutzt sie als Kissen, legt sich auf den Boden und beobachtet die Sterne. Genießt es, abseits der Zivilisation zu sein, ganz für sich alleine. Fühlt sich wohl unter dem Sternenhimmel und ist überwältigt von der Schönheit des Sternenhimmels.

 

So männlich Lonestar Memories durch die sehr präsente Ledernote und die Anklänge von Maschinenöl ist, so klar auch die typische, gewollt nicht liebliche Tauer-Note zu erkennen ist, so enthält der Duft auch sehr versöhnliche Komponenten. Vielleicht liegt es an Zistrose und Myrrhe, dass der Rauch nicht kratzt, das Leder nicht zu sehr scheuert, sondern dass sich alles eher wie eine verrauchte Lederjacke, ganz beschützend über einen legt. Zugedeckt von einer warmen, weichen Jacke, mit der man schon viel erlebt hat.

 

Ob dies nun eher ein Geruch oder ein Parfum ist, das will ich nicht beurteilen. Natürlich wird hiermit ein gewisser Geruch heraufbeschworen und es mag sein, dass manche Leute es als unpassend empfinden, so zu duften, da es ihrem Verständnis von Parfum widerspricht. Doch eben diese Komponente ist es, die die Düfte von Andy Tauer so reizvoll machen. Sie sprengen Grenzen und sind eigenständige Werke, die die Nase auch überraschen können.

 

Gänzlich unsüß, Birkenteer-Leder-Akkord dominiert, aber eben in einer anderen Interpretation als etwa bei Knize Ten. Unisextauglich, wenngleich man als Frau nicht der Meinung sein darf, frau müsse immer nach Blumen oder anderen süßen Dingen riechen.

 

Manche Personen werden es nicht tragen, weil sie sich fragen, was andere von ihnen denken würden, wenn sie so duftend erschienen. Und manche werden es an Leuten riechen und fasziniert sein. Einerseits vom Parfum und andererseits auch, dass der Träger zu seinem Stil steht und sich nicht verbiegen lässt.

 

No. 14 - Noontide Petals

(Copyright A. Tauer)
(Copyright A. Tauer)

Aldehyde. Von manchen als „seifig“ beschrieben, zählen sie doch zu den tollsten Neuerungen im Bereich der Parfums, die das letzte Jahrhundert zu bieten hatte. Viele, viele große Parfums starten eben mit jenen. Chanels No. 5 wäre ohne die Überdosis an Aldehyden nicht so berühmt geworden, Vega würde nicht so strahlen und auch viele andere Parfums hätten deutlich

weniger Reiz.

 

Eben jenen Aldehyden, die alles glänzender erscheinen lassen, widmet auch Andy Tauer einen Duft – warum dies jedoch nicht seine Nr. 5 geworden ist, keine Ahnung. Die Beschäftigung mit Blumen und Aldehyden mag überraschen, da Tauers Kreationen für vieles bekannt sind, aber für Helligkeit und Glanz eher nicht. Vielmehr denkt man bei Andy Tauer sofort an „Tauer stuff“, diesen dunklen, rauchigen Akkord, der all seinen Düften eigen ist.

 

Wie er es nun schafft, ein vermeintlich klassisches Aldehyd-Blüten-Parfum mit jener Note zu verbinden und dabei eine Tauer-Note zu verwenden, die typischer nicht sein könnte, ist mir ein Rätsel. Fakt ist jedoch, dass es perfekt funktioniert und eines seiner besten Parfums das Ergebnis ist. Nach dieser langen Einleitung sollte ich mich nun auch endlich mit diesem

beschäftigen.

 

Zum Auftakt gibt es, wie bereits erwähnt, Aldehyde. Ich liebe Aldehyde, das muss ich bekennen. Für mich riechen sie nicht seifig, sondern sie gehören zu den schönsten Gerüchen, die ich kenne. Sie sind wie Sterne, sie strahlen, geben mir das Gefühl von Sicherheit und ich fühle mich mit ihnen beschützt und umarmt. Hier sind sie nicht so interpretiert, wie wir es von vielen klassischen Düften kennen, sondern noch viel, viel leichter und glitzernder. Nicht einzelne, hell leuchtende Sterne, sondern viele, viele kleine Lichtpunkte.

 

Nach dem ersten „Oooh, wie schön! Aldehyde!“ erkenne ich aber nicht nur den Duft von Rosengeranie und eine sehr fruchtige Bergamotte, sondern auch bereits Tauers Handschrift. Es gibt ganz klar einen rauchigen Akkord, doch dieser ist nicht so dunkel wie in Lonestar Memories, sondern erinnert eher an das Schweben in L’Air du Désert Marocain. Dieses helle, flimmernde, nicht fassbare Gefühl teilen beide Düfte.

 

Eigentlich hätte ich nichts dagegen, wenn der Duft so bleiben würde. Genau so könnte es stundenlang weitergehen. Wenngleich ich diesen Auftakt nicht als spezifisch feminin empfinde, so stellt er für mich doch das etwas blumigere Gegenstück zu L’Air du Désert Marocain dar und ich frage mich, ob Luca Turin diesen Duft gerne an Tania Sanchez riechen möchte. Ich könnte es mir zumindest gut vorstellen.

 

Im weiteren Verlauf wird die Rose dominanter, doch die Aldehyde bleiben überraschend lange gut zu riechen. Doch man erkennt immer, wenn man daran riecht, dass noch mehr da ist. Dass noch eine Basis ist, die von dünkleren Noten dominiert wird. Weihrauch und Vetiver sind etwa ganz präsent, wenn man deutlich riecht, aber eher im Hintergrund, wenn man sich auf die Rose konzentriert. Eben jene Basis wird immer stärker, bis sie nach vielen, vielen Stunden im Vordergrund steht, doch man immer noch das Glänzen und die Blüten, die beinahe vergangen sind, erahnen kann.

 

Über dieses Parfum kann man einen guten Zugang zu Aldehyden und zu Tauer finden. Oder man kann es einfach tragen, um sich am Glitzern der Duftnoten zu erfreuen.

 

So oder so ist es eine perfekte Hommage an die Einführung der Aldehyde. Tauer verwendet sie nicht nur so, wie es damals üblich war, sondern auf neue Art. Damit gelingt es ihm, eben jene Begeisterung, die damals um sich griff, als Parfums plötzlich zu strahlen begannen, zu vermitteln und nicht nur lediglich ein bereits bekanntes Duftkonzept zu kopieren. Und eben diese Begeisterung, die sollte man einmal spüren. Alleine wegen ihr lohnt sich ein Test von „Noontide Petals“.


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